Filmische Fassung desselben Stoffes.
kleine Nacht
In der Stille eines Hotelzimmers verliert eine vertraute Ordnung ihre Selbstverständlichkeit.
Werkangaben
- Text
- Andreas Brehmer
- Gattung
- Novelle
- Ursprung
- 2017
- Fassung
- 2026
- Stand
- 14. August 2026
Aus der Novelle
Der Flur ist länger, als er sein müßte. Er verbindet die Zimmer nicht; er hält sie voneinander fern. Auf beiden Seiten stehen Türen, eine neben der anderen, gleich hoch, gleich geschlossen. Das Licht kommt aus flachen Körpern an der Decke und hat keine Richtung. Es fällt nicht. Es steht auf dem Teppich, auf den Messingleisten, auf den Zahlen, die in regelmäßigen Abständen aus dem Halbdunkel treten.
Nichts bewegt sich.
Dann kommen ihre Schritte.
Sie geht weder schnell noch langsam. Ihre Geschwindigkeit verrät nichts. Der Mantel hängt offen an ihr, die Tasche hält sie dicht am Körper. Ihr Gesicht ist ruhig. Es kennt den Augenblick, in dem man sich vorbereitet, bevor man gesehen wird.
Vor der Tür bleibt sie stehen.
Die Zahl stimmt. Trotzdem schaut sie noch einmal hin. Der Flur summt leise. Hinter einer Wand bewegt sich etwas, vielleicht Wasser, vielleicht ein Aufzug. Dann ist wieder nur das Licht.
Sie streicht über den Ärmel. Der Stoff liegt nicht falsch. Sie richtet ihn dennoch, eine kleine Ordnung der Oberfläche. Dann hebt sie die Hand zum Klopfen und hält inne.
Noch einmal der Ärmel.
Sie klopft.
Keine Antwort.
Die Tür ist nicht ganz geschlossen. Zwischen ihr und dem Rahmen liegt ein schmaler dunkler Spalt. Sie wartet, bis das Warten selbst auffällig wird. Dann legt sie die Hand auf die Klinke.
Dunkel.
Aus dem Zimmer kommt keine Stimme.
Nur Atem.
Sie bleibt auf der Schwelle. Hinter ihr der Flur, vor ihr das Zimmer. Für einen Augenblick gehört sie zu keinem von beiden. Dann tritt sie ein.
Die Tür bewegt sich langsam zurück. Der Lichtstreifen vom Flur liegt noch auf dem Teppich, wird schmaler und verschwindet.
Das Zimmer ist anonym. Nicht schäbig, nicht luxuriös. Ein Bett, ein Tisch, zwei Stühle, eine Lampe. Vorhänge, hinter denen keine Nacht zu erkennen ist. Die Tischlampe brennt. Ihr Licht reicht bis zur Tischkante, bis zu einem Stuhl und zu ihren Händen, als sie näher kommt. Der Rest des Zimmers bleibt dunkel.
Gegenüber sitzt ein Mann.
Vielleicht sieht sie eine Hand auf der Armlehne, ein Knie, einen helleren Saum am Kragen. Das Gesicht bleibt verborgen. Sein Atem ist ruhig und so gleichmäßig, daß er bald nicht mehr von der Stille zu trennen ist.
Auf dem Tisch liegt ein Umschlag.
Er ist geöffnet. Die Lasche steht ab. Sie sieht hinein, noch bevor sie sich setzt.
Leer.
Für einen Moment fügt sich alles in eine Ordnung, die sie kennt: Zimmer, Mann, Bett, Lampe, Umschlag. Eine Ordnung, in der man anwesend sein kann, ohne vorzukommen; gesehen, ohne erkannt zu werden.
Vollständiges Manuskript auf Anfrage.