Andreas Brehmer

Fundstücke

Stimmen. Betrachtungen. Wirkkräfte.

Die Wahlverwandtschaften eröffnen verschiedene Wege durch die Sammlung. Ein Gedanke führt zum nächsten – durch Übereinstimmung, Widerspruch oder die unerwartete Nähe weit voneinander entfernter Stimmen. So entstehen Verbindungen, die keiner vorgegebenen Ordnung folgen.

Wahlverwandtschaften

Bild und Wirklichkeit

Platon Arthur Schopenhauer Martin Heidegger Caspar David Friedrich Paul Cézanne Kasimir Malewitsch Pierre Reverdy Georg Büchner Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg [Novalis] Francesco Petrarca Maria Sibylla Merian Johann Gottfried Herder Adele Schopenhauer Johann Jakob Bodmer Georges Bataille Giovanni Boccaccio Herman van Swanevelt Pieter Bruegel der Ältere Arno Schmidt Lord Byron Adolf Miethe Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski Johann Wolfgang von Goethe – Farbenlehre Theophrastus Bombast von Hohenheim Michel de Montaigne Angelus Silesius Hildegard von Bingen Albrecht Dürer Menachem Mendel Schneerson

Sprache und Schweigen

Pascal QuignardDschalal ad-Din Rumi Murasaki Shikibu Wilhelm von Humboldt Friedrich Wilhelm Nietzsche Franz Kafka Thomas Bernhard Eugen Rosenstock-Huessy Giorgio Agamben Georges I. Gurdjieff Aristophanes Wolfgang Hildesheimer Ingeborg Bachmann László Krasznahorkai Meister Eckhart Christa Wolf

Zeit und Erinnerung

Augustinus von Hippo Sophie Friederike Mereau Walter Benjamin Marion Kalter Tonino Guerra Michelangelo Antonioni Andrej Tarkowskij Marguerite Duras Arseni Tarkowskij Japanische Überlieferung Hans Jürgen Syberberg Lord Byron Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski Angela Winkler Christa Wolf

Film und Wahrnehmung

Charles Chaplin Larisa Schepitko Akira Kurosawa Fred Kelemen Pier Paolo Pasolini Andrej Tarkowskij Marguerite Duras Béla Tarr Michelangelo Antonioni Wolf Otto Pfeiffer Hans Jürgen Syberberg László Krasznahorkai

Aufmerksamkeit und Muße

Sei Shōnagon Saigyō Zhuangzi Oscar Benl Béla Hamvas Rolf Elberfeld Simone Weil Blaise Pascal Josef Pieper Matsuo Bashō Daisetz Teitarō Suzuki Morton Feldman Hans Jürgen von der Wense Herman van Swanevelt Pieter Bruegel der Ältere Arno Schmidt Jesus von Nazareth

Platon Urbild und Abbild

Πλάτων [Platon] (ca. 427–347 v. Chr.)

Griechischer Philosoph, Schüler des Sokrates und Gründer der Akademie in Athen. Seine Werke verfaßte er überwiegend als Dialoge.

Phaidon, 100b–101d · 4. Jahrhundert v. Chr. · Redaktioneller Titel

Im Gespräch mit Kebes sucht Sokrates nach einer Erklärung dafür, warum die Dinge so beschaffen sind, wie sie erscheinen. Er setzt voraus, daß es das Schöne, Gute und Große jeweils an und für sich gibt – unabhängig von einzelnen schönen, guten oder großen Dingen. Was wir mit den Sinnen wahrnehmen, besitzt seine Eigenschaften nicht allein durch Farbe, Gestalt oder andere äußerliche Merkmale, sondern durch die Teilhabe an einer solchen Idee.

Wie diese Teilhabe genau zu verstehen ist, läßt Sokrates ausdrücklich offen. Er spricht von Gegenwart oder Gemeinschaft, ohne die Art des Verhältnisses festzulegen.

Entscheidend bleibt die Unterscheidung zwischen den sinnlich erfahrbaren Dingen und dem geistigen Grund ihrer Eigenschaften. Die Ideen sind dabei keine bloßen Vorstellungen des menschlichen Bewußtseins, sondern werden als Ursachen für die Beschaffenheit der Dinge angenommen.

Wahlverwandtschaften

László Krasznahorkai Über Engel, Menschenwürde und Auflehnung

László Krasznahorkai (* 1954)

Ungarischer Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger 2025. Seine Romane handeln von Verlorenheit und gesellschaftlichem Zerfall; mit Béla Tarr schrieb er unter anderem die Drehbücher zu Sátántangó und Das Turiner Pferd.

Nobelpreisrede · 2025 · Redaktioneller deutscher Titel

Krasznahorkai beginnt mit der Absicht, über Hoffnung zu sprechen, verwirft diesen Gedanken jedoch und wendet sich den Engeln zu. Anders als die himmlischen Boten früherer Zeiten überbringen seine Engel keine Botschaft mehr. Sie erscheinen ohne Flügel, stumm und schutzlos, als Opfer menschlicher Gewalt.

Von dort führt seine Betrachtung zur Würde des Menschen, dessen gewaltige zivilisatorische Leistungen in Zerstörung und geistige Verarmung umzuschlagen drohen. Die Erinnerung an eine Begegnung zwischen einem Obdachlosen und einem Polizisten auf einem Berliner U-Bahnhof führt schließlich zur Frage nach der Auflehnung. In der scheinbar eindeutigen Gegenüberstellung von Gesetz und Vergehen wird das Verhältnis von Gut und Böse fragwürdig. Die Rede kreist damit um jene Hoffnung, von der sie zunächst nicht sprechen wollte.

Wahlverwandtschaften

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Fjodor DostojewskiArno Gruen

Film und Wahrnehmung

Béla Tarr

Arthur Schopenhauer Die Ideen und die Kunst

Arthur Schopenhauer (1788–1860)

Deutscher Philosoph. In seinem Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung untersuchte er das Verhältnis von Erkenntnis, Kunst und menschlichem Dasein.

Die Welt als Wille und Vorstellung, § 36 · 1819

Schopenhauer unterscheidet die gewöhnliche, auf Beziehungen und Zwecke gerichtete Erkenntnis von einer kontemplativen Anschauung des Wesentlichen. Diese erkennt die Ideen, die den Erscheinungen zugrunde liegen.

Der Kunst fällt nach dieser Auffassung die Aufgabe zu, solche Ideen anschaulich werden zu lassen. Sie vermittelt nicht bloß Wissen über die Dinge, sondern eine andere Weise ihres Erkennens.

Wahlverwandtschaften

Weitere Nachbarschaften

Lew Nikolajewitsch Tolstoi

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Adele Schopenhauer

Lew Nikolajewitsch Tolstoi Kunst als Verbindung

Лев Николаевич Толстой [Lew Nikolajewitsch Tolstoi] (1828–1910)

Russischer Schriftsteller und Denker. In Romanen, Erzählungen und Essays beschäftigte er sich mit Gewissen, Gewaltlosigkeit und der gesellschaftlichen Aufgabe der Kunst.

Что такое искусство? [Was ist Kunst?] · 1897/98 · deutsche Übersetzung von Michail Feofanov (1902), neu ediert von Bodo Bischof und Peter Bürger (2023) · redaktioneller deutscher Beitragstitel

Tolstoi widerspricht der Auffassung, Kunst sei vor allem die Darstellung des Schönen oder die Offenbarung einer verborgenen Idee. Ihr Wesen liegt für ihn darin, daß ein Mensch eine selbst empfundene Regung durch Worte, Klänge, Bewegungen, Linien oder Farben so gestaltet, daß andere Menschen sie miterleben können.

Diese Übertragung bezeichnet er als Ansteckung durch Gefühle. Ein Kunstwerk verbindet seinen Urheber mit denjenigen, die es erfahren. Dabei kommt es nicht allein auf Ausdruckskraft und Verständlichkeit an, sondern wesentlich auf die Aufrichtigkeit des Künstlers.

Tolstoi verknüpft seine Kunstauffassung mit einer ethischen Forderung. Kunst soll die Trennung zwischen Menschen überwinden, statt bloß dem Vergnügen einzelner gesellschaftlicher Schichten zu dienen. Ihre Bedeutung bemißt sich für ihn daran, was sie im menschlichen Zusammenleben bewirkt.

Wahlverwandtschaften

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Arthur SchopenhauerJesus von Nazareth

Albert Camus Kunst ist keine einsame Freude

Albert Camus (1913–1960)

Französischer Schriftsteller, Dramatiker und Essayist; Literaturnobelpreisträger 1957. Sein Werk verbindet Fragen nach dem Absurden, Freiheit und menschlicher Verantwortung.

Discours du 10 décembre 1957 · Nobelpreisrede, Stockholm, 10. Dezember 1957 · veröffentlicht in Discours de Suède, Paris 1958 · französischer Originaltext · redaktioneller deutscher Titel

Camus beschreibt die Kunst als eine Tätigkeit, die den Künstler mit anderen Menschen verbindet. Für ihn ist sie kein Rückzug in eine abgeschlossene Welt, sondern eine Möglichkeit, gemeinsam erfahrenes Leid und Glück in eine sichtbare oder sprachliche Gestalt zu bringen.

Der Künstler bewegt sich zwischen zwei Polen: der Schönheit, auf die er nicht verzichten kann, und der menschlichen Gemeinschaft, von der er sich nicht lösen darf. Seine Arbeit verlangt deshalb nicht nur schöpferische Freiheit, sondern auch Aufmerksamkeit gegenüber dem Schicksal anderer.

Daraus leitet Camus eine Verantwortung des Schriftstellers ab. Er soll sich weder den Mächtigen unterwerfen noch die Erfahrungen derjenigen vergessen, die keine eigene Stimme haben. Die Kunst steht für Camus im Dienst von Wahrheit und Freiheit, ohne deshalb auf ihre Eigenständigkeit verzichten zu müssen.

Wahlverwandtschaften

Martin Heidegger Kunst als Geschehen der Wahrheit

Martin Heidegger (1889–1976)

Deutscher Philosoph. Seine Arbeiten fragen nach dem Sein, der Sprache und der Möglichkeit, daß im Kunstwerk Wahrheit sichtbar wird.

Der Ursprung des Kunstwerkes · Vorträge von 1935/36 · erstmals veröffentlicht in Holzwege, Frankfurt am Main 1950 · ausgewählte Originalpassagen nach einer späteren Ausgabe · redaktioneller Titel

Heidegger fragt, worin das Wesen eines Kunstwerkes besteht. Es genügt für ihn nicht, ein Gemälde als Abbild eines Gegenstandes oder eine Skulptur als besonders gelungenes handwerkliches Erzeugnis zu verstehen. Das Werk erschöpft sich weder in seinem Material noch in seinem ästhetischen Wert.

Anhand eines griechischen Tempels erläutert er, daß ein Kunstwerk eine Welt eröffnet. Durch das Bauwerk treten Landschaft, Licht, Stein und menschliche Lebenszusammenhänge in neue Beziehungen. Das Werk bildet nicht einfach eine vorhandene Wirklichkeit nach, sondern läßt etwas an ihr hervortreten, das zuvor verborgen blieb.

Kunst wird damit zu einer Weise, in der Wahrheit geschieht. Sie ist nicht bloße Darstellung, sondern ein Hervorbringen von Unverborgenheit.

Andrej Rubljow Das Schauen der Ikonen

Андрей Рублёв [Andrej Rubljow] (um 1360–1430)

Russischer Ikonenmaler und Mönch des Spätmittelalters. Sein Leben ist nur bruchstückhaft überliefert; seine Ikonen wurden zu Vorbildern der russischen Sakralkunst.

Historisches Zeugnis von Иосиф Волоцкий [Iossif Wolotski]: Отвещание любозазорным и сказание вкратце о святых отцах… · spätes 15. / frühes 16. Jahrhundert · altrussischer Quellentext in wissenschaftlicher Wiedergabe · redaktioneller deutscher Titel · kein Text von Rubljow selbst

In seinem Bericht über das russische Mönchtum schildert Iossif Wolotski die Ikonenmaler Andrej Rubljow und Daniil. Ihr Leben erscheint als Einheit von geistiger Übung und künstlerischer Arbeit. Selbst an Feiertagen, an denen sie nicht malten, verbrachten sie lange Zeit vor den Ikonen.

Das Entscheidende liegt in der Beziehung zwischen dem sichtbaren Bild und dem Unsichtbaren. Die Ikonen sind aus materiellen Farben geschaffen; die Betrachtung soll den Geist jedoch über das Stoffliche hinausführen. Wolotski beschreibt das Schauen als eine Erfahrung von Freude und innerer Helligkeit.

Der Text überliefert keine Worte Rubljows, sondern ein geistliches Zeugnis über ihn, das sich auf mündliche Überlieferung beruft. Sein erbaulicher Charakter ist bei der historischen Deutung zu berücksichtigen.

Wahlverwandtschaften

Arseni Tarkowskij Dichtung als Lebenszeugnis

Арсений Александрович Тарковский [Arseni Tarkowskij] (1907–1989)

Russischer Dichter und Übersetzer, Vater des Regisseurs Andrej Tarkowskij. Seine Lyrik kreist um Natur, Erinnerung, Vergänglichkeit und geistige Erfahrung.

Aus: Auf der anderen Seite des Spiegels · Gedicht, übersetzt von Waldemar Dege · mit einem Nachwort von Katja Lebedewa (1989) · redaktioneller Titel

Arseni Tarkowskij versteht das Gedicht nicht als ein vom Leben abgelöstes Sprachgebilde. Jede Zeile soll die Erfahrung und die Verantwortung dessen tragen, der sie geschrieben hat. Selbst im kleinsten Zeichen bleibt eine Spur zurück: von der Arbeit an der Sprache, von erlittenen Erfahrungen und von der Unnachgiebigkeit gegenüber dem eigenen Werk.

Das begleitende Nachwort von Katja Lebedewa erschließt Tarkowskijs Dichtung als Auseinandersetzung mit Zeit, Erinnerung, Natur und Tod. Ihre Bilder wachsen aus der sinnlich erfahrenen Welt und öffnen sich zugleich auf Fragen nach Vergänglichkeit und Unsterblichkeit. Auch die Filme seines Sohnes Andrej Tarkowskij werden dabei als Teil dieser geistigen Verbindung betrachtet: Das dichterische Wort tritt dort in ein neues Verhältnis zum bewegten Bild.

Andrej Tarkowskij Der Anfang der Dichtung

Андрей Арсеньевич Тарковский [Andrej Tarkowskij] (1932–1986)

Russischer Filmregisseur. In Filmen wie Der Spiegel, Stalker und Nostalghia verband er Bilder, Erinnerung und die Erfahrung filmischer Zeit.

The Beginning of Poetry · Gespräch mit Jonathan Cott, September 1983, Telluride Film Festival · erstmals veröffentlicht in Ursula, 23. Februar 2024 · englische Fassung eines mündlich aus dem Russischen übersetzten Gesprächs · redaktioneller deutscher Titel

Tarkowskij spricht über die vier Elemente Erde, Wasser, Feuer und Luft, die in seinen Filmen immer wiederkehren. Er versteht sie nicht als bewußt eingesetzte Symbole. Erst rückblickend erkennt er in ihnen eine filmische Möglichkeit, seine Vorstellung von Zeit auszudrücken.

Am Beispiel von Nostalghia erläutert er, wie Anfang und Ende eines Films aufeinander bezogen sind. Das letzte Bild läßt das erste in einem neuen Licht erscheinen. Die Bedeutung einer Einstellung entsteht damit nicht allein aus ihrem sichtbaren Inhalt, sondern ebenso aus der zeitlichen Bewegung des gesamten Werkes.

Auch die Kindheit ist für Tarkowskij eine wesentliche Quelle seiner Kunst. Dichtung beginnt für ihn jedoch nicht in der Kindheit selbst, sondern mit ihrem Verlust. Erinnerung und schöpferische Vorstellungskraft antworten auf etwas, das nicht mehr unmittelbar gegenwärtig ist.

Das Gespräch wurde telefonisch geführt. Der Regisseur Krzysztof Zanussi übermittelte Tarkowskijs russische Antworten an Jonathan Cott auf Englisch. Die veröffentlichte Fassung ist deshalb keine wortgetreue russische Originaltranskription.

Hans Jürgen SyberbergFilm nach dem Film

Hans Jürgen Syberberg (* 1935)

Deutscher Filmregisseur und Künstler. Sein Werk reicht vom essayistischen Kino bis zu Bild-, Text- und Raumarbeiten rund um Nossendorf.

Film nach dem Film · Ausstellungspublikation, Verlag für moderne Kunst, Nürnberg, 2008 · redaktionelle Betrachtung zu Syberbergs Text und Nossendorf-Projekt

Was wird aus dem Film, wenn er nicht mehr allein als abgeschlossenes Werk gedacht wird? Syberberg verknüpft in seinem späten Schaffen Bilder, tägliche Aufzeichnungen, Erinnerungen, Räume und die Wiederherstellung des Hauses seiner Kindheit in Nossendorf. Die Arbeit an einem Ort wird zu einem Teil der künstlerischen Arbeit mit Bildern und Zeit.

Dabei geht es nicht nur um die Bewahrung eines vergangenen Zustands. Die Spuren der Geschichte werden aufgenommen, umgestaltet und in der Gegenwart neu lesbar gemacht. Photographien, Texte, Architektur und bewegte Bilder bilden keinen einheitlichen Film im gewöhnlichen Sinn, sondern ein Gefüge, das sich fortsetzt und verändert.

Der Titel Film nach dem Film bezeichnet damit auch eine Verschiebung der künstlerischen Form: von der Vorführung zur fortdauernden Gestaltung.

Wahlverwandtschaften

Zeit und Erinnerung

Walter BenjaminMarion Kalter

Film und Wahrnehmung

Andrej TarkowskijFred Kelemen

Giorgio Agamben Völker, die ihre Sprache verloren haben

Giorgio Agamben (* 1942)

Italienischer Philosoph und Essayist. Er untersucht das Verhältnis von Sprache, Recht, Politik und menschlichen Lebensformen.

Popoli che hanno perduto la lingua · 11. Oktober 2024

Agamben beschreibt den Verlust eines poetischen und denkenden Verhältnisses zur Sprache. Wo Sprache vor allem der Übermittlung von Nachrichten und der Erfüllung praktischer Zwecke dient, verliert sie nach seiner Auffassung die Kraft, in der Menschen sich selbst und ihre Gegenwart erkennen. Die Entwicklungen in verschiedenen europäischen Sprachen erscheinen ihm als unterschiedliche Formen dieses Verlusts.

Für Agamben steht damit mehr auf dem Spiel als die Verständigung. Weil Sprache zum Menschwerden selbst gehört, bedroht ihre Reduktion auf ein bloßes Werkzeug auch die Fähigkeit zu denken. Die Übertragung des Denkens auf künstliche Intelligenz deutet er als Folge dieser Entwicklung. Eine europäische Politik, die mehr sein will als Verwaltung, setzt für ihn deshalb voraus, daß die Menschen wieder ein poetisches und denkendes Verhältnis zu ihren Worten gewinnen.

Wahlverwandtschaften

Bild und Wirklichkeit

Georges Bataille

Heinrich von Kleist Über das Marionettentheater

Heinrich von Kleist (1777–1811)

Deutscher Dichter und Dramatiker. Seine Erzählungen und Theaterstücke erkunden die Grenzen menschlicher Erkenntnis, Sprache und Selbstbestimmung.

Über das Marionettentheater · erstmals erschienen in den Berliner Abendblättern, 12.–15. Dezember 1810

In einem Gespräch mit einem Tänzer wird ausgerechnet die Marionette zum Vorbild vollkommener Anmut. Ihre Bewegungen folgen dem Schwerpunkt, ohne durch Eitelkeit oder Selbstbeobachtung gestört zu werden. Der Mensch hingegen kann gerade durch das Bewußtsein seiner Bewegung die Grazie verlieren. Ein junger Mann, der im Spiegel eine schöne Haltung bemerkt und sie wiederholen will, scheitert an der eigenen Absicht.

Eine zweite Geschichte führt das Gegenbild vor: Ein Bär pariert beim Fechten jeden wirklichen Stoß, läßt sich jedoch durch keine Finte täuschen. Wo die bewußte Berechnung des Menschen fehlgeht, scheint unmittelbare Sicherheit möglich.

Kleist beläßt es nicht bei der Sehnsucht nach verlorener Unschuld. Der Text entwirft die paradoxe Möglichkeit, daß Anmut entweder ohne reflektierendes Bewußtsein oder erst am Ende einer ins Unendliche gesteigerten Erkenntnis vollkommen hervortritt. Das verlorene Paradies wäre nicht durch einfache Rückkehr, sondern nur auf einem Umweg wieder erreichbar.

Wahlverwandtschaften

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ZhuangziAristophanes

Aufmerksamkeit und Muße

Pieter Bruegel der Ältere

AristophanesDer Wettstreit der Dichter

Ἀριστοφάνης [Aristophanes] (um 450–um 385 v. Chr.)

Griechischer Komödiendichter des klassischen Athen. Seine Stücke greifen Politik, Philosophie und die gesellschaftliche Wirkung des Theaters auf.

Βάτραχοι [Die Frösche] · erstmals aufgeführt 405 v. Chr. · Ausgewählter Zusammenhang: Wettstreit zwischen Aischylos und Euripides · Redaktioneller deutscher Titel

Der Gott Dionysos steigt in die Unterwelt hinab, um einen verstorbenen Tragödiendichter nach Athen zurückzubringen. Dort begegnet er Aischylos und Euripides, die um den Vorrang unter den Dichtern streiten. Die Unterwelt verwandelt sich in eine Bühne der Kunstkritik: Verse werden auf ihre Wirkung hin geprüft, Ausdrucksweisen verspottet und dichterische Ansprüche gegeneinander ausgespielt.

Die beiden Tragiker vertreten verschiedene Vorstellungen von Dichtung. Aischylos beruft sich auf Größe, Erhabenheit und die sittliche Wirkung des Theaters; Euripides verteidigt eine Sprache und Figurenwelt, die dem alltäglichen Leben nähersteht. Aristophanes läßt beide Positionen im Streit der Figuren hervortreten, statt sie in einer Abhandlung zu ordnen.

Die Komödie fragt dabei nicht allein, welcher Dichter die bessere Kunst hervorbringt, sondern auch, welche Bedeutung das Theater für die Gemeinschaft besitzt. Indem Dionysos die Werke beurteilen muß, werden selbst die Maßstäbe des Urteilens komisch.

Wahlverwandtschaften

Aufmerksamkeit und Muße

Pieter Bruegel der Ältere

Charles Chaplin Warum ich den Sprechfilm nicht liebe

Charles Chaplin (1889–1977)

Britischer Schauspieler, Regisseur und Filmkomiker. Seine Figur des Tramps wurde zu einem Sinnbild des Stummfilms.

Warum ich den Sprechfilm nicht liebe · Darmstädter Tagblatt, Nr. 176, 27. Juni 1929 · deutschsprachiger Zeitungsabdruck, Charles Chaplin zugeschrieben · Copyrightvermerk: Intardi, Berlin; Übersetzer nicht genannt

Chaplin verteidigt die Pantomime als eigenständige Ausdrucksform des Films. Die Kamera zeichne keine Worte, sondern Gedanken auf; Gebärden und Bewegungen könnten innere Vorgänge sichtbar machen, die sich der Sprache entziehen. Die Einführung des Sprechfilms bedrohe deshalb nicht nur eine vertraute Technik, sondern eine Kunst, die ihre besonderen Mittel erst allmählich entdeckt habe.

Am Beispiel einer Szene aus Goldrausch beschreibt Chaplin die Bewegung auf der Leinwand als eine Art visueller Musik. Die tanzenden Federn machen eine innere Erregung sinnlich erfahrbar, ohne daß Worte ihre Wirkung steigern könnten. Auch seine eigene Filmfigur begreift er nicht als realistische Person, sondern als komische Abstraktion, deren Stimme die Illusion zerstören könnte.

Wahlverwandtschaften

Heinz von Foerster Wir sehen nicht, daß wir nicht sehen

Heinz von Foerster (1911–2002)

Österreichisch-amerikanischer Physiker und Kybernetiker. Als Vertreter des radikalen Konstruktivismus untersuchte er die Bedingungen des Beobachtens und Erkennens.

Gespräch mit Bernhard Pörksen · Telepolis, 15. April 1998 · Vorabdruck aus Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker (1998)

Von Foerster beschreibt die Kybernetik als ein Denken in Kreisläufen: Eine Handlung verändert eine Situation, deren Rückmeldung wiederum die nächste Handlung bestimmt. Diese Zirkularität führt ihn zu einer grundsätzlichen Frage der Erkenntnis. Wer die Welt beschreibt, steht ihr nicht einfach als unbeteiligter Beobachter gegenüber, sondern gehört zu der Wirklichkeit, über die er Aussagen trifft.

Am Beispiel des blinden Flecks zeigt er, daß unser Gesichtsfeld geschlossen erscheint, obwohl ihm an einer Stelle die Wahrnehmung fehlt. Wir bemerken gewöhnlich nicht einmal, daß wir etwas nicht sehen. Die sogenannte Kybernetik zweiter Ordnung untersucht deshalb die Bedingungen des Beobachtens selbst. Von Foerster kritisiert auch die Gleichsetzung des Gehirns mit einem Computer: Eine Metapher kann ein Phänomen veranschaulichen, doch sie ersetzt nicht dessen Verständnis. Aus der Einsicht in die eigene Beteiligung am Erkennen erwächst für ihn die Verantwortung für das, was wir beobachten, beschreiben und behaupten.

Wahlverwandtschaften

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Walter BenjaminMichel de Montaigne

Alexander Puschkin Der Sargmacher

Александр Сергеевич Пушкин [Alexander Sergejewitsch Puschkin] (1799–1837)

Russischer Dichter und Erzähler. Seine Verse, Dramen und Prosatexte prägten die Entwicklung der modernen russischen Literatursprache.

Гробовщик · entstanden 1830, erstmals veröffentlicht 1831 · aus: Die Erzählungen des verstorbenen Iwan Petrowitsch Belkin · deutsche Übersetzung von Alexander Eliasberg, in: Der Schneesturm und andere Erzählungen, Wegweiser-Verlag 1921

Der Sargmacher Adrian Prochorow zieht mit seinen Töchtern in ein neues Haus. Bei der Feier eines Nachbarn wird sein Gewerbe zum Gegenstand eines Scherzes: Man trinkt auf die Gesundheit seiner Kunden, der Toten. Gekränkt beschließt er, statt der Lebenden die Verstorbenen einzuladen, die er einst bestattet hat.

In der Nacht erscheinen die Toten tatsächlich als Gäste und stellen ihn wegen seiner Geschäftspraktiken zur Rede. Erst am Morgen erfährt der Sargmacher, daß diese Begegnung ein Traum gewesen ist.

Puschkin führt das Gewöhnliche fast unmerklich ins Unheimliche und entzieht der Erscheinung im letzten Augenblick wieder ihre Gewißheit. Dabei wird der Tod weder feierlich noch pathetisch behandelt. Die knappe Erzählung verbindet die Angst vor dem Jenseits mit einer nüchternen, gelegentlich spöttischen Betrachtung menschlicher Eitelkeit.

Wahlverwandtschaften

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Fjodor DostojewskiFranz Kafka

Maurice BlanchotSchreiben ist nicht Sehen

Maurice Blanchot (1907–2003)

Französischer Schriftsteller und Literaturtheoretiker. Seine Erzählungen und Essays beschäftigen sich mit dem Schreiben, dem literarischen Werk, der Abwesenheit und den Grenzen sprachlicher Darstellung.

Lettre à un jeune cinéaste [Brief an einen jungen Filmemacher] · Brief an Dominique Emard, 1986 · veröffentlicht in Trafic, Nr. 49, Frühjahr 2004, S. 139 · redaktioneller deutscher Beitragstitel

Ein junger Filmemacher hat nach einer Erzählung von Maurice Blanchot einen kurzen Film gedreht. Er fragt den Schriftsteller, ob er ihn außerhalb des kommerziellen Betriebs zeigen dürfe. Blanchots Antwort beginnt mit einem Einwand, der viel weiter reicht als die Frage nach einer Erlaubnis: Er erinnert an seinen eigenen Gedanken, daß Sprechen und Schreiben nicht Sehen seien. Wenn Geschriebenes ins Sichtbare übergeht, begegnet er diesem Übergang mit Mißtrauen.

Selbst die laut gesprochene Wiedergabe eines seiner Texte empfindet Blanchot als problematisch. Er berichtet von einer nicht genehmigten Verfilmung und von seinem vergeblichen Einspruch. Zugleich zieht er aus dieser Erfahrung eine paradoxe Konsequenz: Der junge Filmemacher solle ihn gar nicht erst um Erlaubnis bitten. Der Schriftsteller verweigert sich nicht nur der Verfilmung; er stellt auch seine eigene Stellung als Verfügungsberechtigter über das Werk in Frage.

Der kurze Brief läßt einen Widerspruch offen. Ein Text kann in einem anderen Medium weiterleben, ohne daß diese Übertragung seinem Verfasser entspricht. Blanchot bietet dafür keine versöhnende Theorie an. Sein Widerspruch zwischen dem geschriebenen Wort und dem sichtbaren Bild bleibt bestehen – ausgerechnet in einem Schreiben an jemanden, der aus Literatur einen Film gemacht hat.

Wahlverwandtschaften

Sprache und Schweigen

Pascal Quignard

Augustinus von Hippo Die drei Gegenwarten

Aurelius Augustinus (354–430), bekannt als Augustinus von Hippo

Christlicher Philosoph, Theologe und Bischof von Hippo Regius in Nordafrika. Seine Bekenntnisse verbinden persönliche Erinnerung mit Fragen nach Zeit, Erkenntnis und Ewigkeit.

Confessiones (Bekenntnisse), Buch XI, insbesondere Kapitel 14, 20 und 28 · um 397–400 · „Die drei Gegenwarten“: redaktioneller Titel

In seinen Bekenntnissen untersucht Augustinus das Wesen der Zeit. Die Vergangenheit ist nicht mehr, die Zukunft ist noch nicht, und die Gegenwart vergeht, sobald wir versuchen, sie festzuhalten. Wie kann Zeit dennoch erfahren und gemessen werden? Augustinus beginnt nicht mit einer fertigen Erklärung, sondern mit einer Schwierigkeit, die sich dem Nachdenken immer wieder entzieht.

Vergangenes und Zukünftiges sind für den Menschen allein in der Gegenwart zugänglich: als Erinnerung und Erwartung. Dazu tritt die gegenwärtige Anschauung. Augustinus spricht deshalb von drei Gegenwarten: der Gegenwart des Vergangenen im Gedächtnis, der Gegenwart des Gegenwärtigen in der Anschauung und der Gegenwart des Zukünftigen in der Erwartung.

Wie sich diese drei Weisen miteinander verbinden, zeigt er am Beispiel eines auswendig gesprochenen Psalms. Während die bereits gesprochenen Silben in die Erinnerung übergehen, stehen die folgenden noch in der Erwartung. Die Aufmerksamkeit hält den Vorgang zusammen. Was sich beim Vortrag eines Psalms ereignet, gilt ihm auch für das menschliche Leben: Es wird in einer zeitlichen Ausspannung des Geistes erfahren, die er als distentio animi beschreibt.

Seine Untersuchung bleibt auf die Frage nach Gottes Ewigkeit bezogen. Während der menschliche Geist zwischen Erinnerung und Erwartung ausgespannt ist, unterliegt Gott nach Augustinus keinem zeitlichen Wandel. Die drei Gegenwarten sind deshalb keine einfache Auflösung des Rätsels der Zeit, sondern eine Annäherung an die Weise, in der der Mensch sie erlebt.

Wahlverwandtschaften

Aufmerksamkeit und Muße

Simone WeilBlaise Pascal

Nikolaus von Kues Der Friede im Glauben

Nikolaus von Kues, genannt Cusanus (1401–1464)

Deutscher Theologe, Philosoph und Kardinal des 15. Jahrhunderts. Sein Denken verbindet Gotteserkenntnis, die Grenzen menschlichen Wissens und den Gedanken der Einheit.

De pace fidei · 1453

Unter dem Eindruck der Eroberung Konstantinopels entwirft Nikolaus von Kues die Vision eines Friedens zwischen den Religionen. In einer himmlischen Versammlung treten Vertreter verschiedener Völker und Glaubensrichtungen miteinander ins Gespräch. Hinter der Vielfalt ihrer Lehren und Gebräuche sucht Cusanus eine gemeinsame Wahrheit: den einen göttlichen Ursprung, den Menschen in unterschiedlichen Formen verehren.

Die Verschiedenheit der Riten muß nach seiner Auffassung nicht vollständig verschwinden. Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen den wandelbaren Formen religiöser Praxis und dem, was ihnen zugrunde liegt. Seine Vorstellung der Eintracht bleibt jedoch ausdrücklich christlich geprägt: Die Verständigung führt über die Begriffe der Weisheit, des göttlichen Wortes und der Erlösung. Der Friede gründet für Cusanus nicht in der Gleichförmigkeit aller Gebräuche, sondern in der Erkenntnis einer gemeinsamen Wahrheit.

Wahlverwandtschaften

Theophrastus Bombast von HohenheimDas Licht der Natur

Theophrastus Bombast von Hohenheim (1493–1541)

Bekannt unter dem Namen Paracelsus. Arzt, Naturphilosoph und Alchemist. Er wandte sich gegen die unkritische Übernahme medizinischer Lehrmeinungen und suchte Erkenntnis in der Natur.

Das Buch Paragranum · um 1530 entstanden · Erstdruck Frankfurt am Main 1565 · „Das Licht der Natur“: redaktioneller Titel

In seinem Buch Paragranum widerspricht Paracelsus der Auffassung, medizinische Erkenntnis lasse sich allein aus den Schriften anerkannter Autoritäten gewinnen. Der Arzt müsse von der Natur lernen. In ihr liegen für ihn sowohl die Ursachen der Krankheiten als auch die Möglichkeiten ihrer Heilung. Nicht die Berufung auf gelehrte Namen, sondern die Erfahrung an den Dingen soll das Urteil begründen.

Das Licht der Natur bezeichnet in Paracelsus’ Denken eine Erkenntnis, die über die bloße äußere Erscheinung hinausführt. Die sichtbaren Dinge bergen Eigenschaften und Wirkkräfte, die erschlossen werden müssen. Dabei steht der Mensch als Mikrokosmos in Beziehung zum Makrokosmos; Naturphilosophie, Astronomie und Heilkunde sind für Paracelsus nicht voneinander getrennt.

Zur Grundlage seiner Medizin zählt er neben Philosophie und Astronomie auch die Alchemie sowie die Tugend des Arztes. Alchemie bedeutet hier nicht allein die Umwandlung von Stoffen, sondern ihre Bereitung und die Freilegung von Möglichkeiten, die ohne menschliches Zutun verborgen blieben. Erkennen und Handeln greifen ineinander.

Paracelsus verbindet damit Naturbeobachtung und praktische Erfahrung mit einer religiös und kosmologisch geprägten Weltsicht. Sein Denken ist weder eine bloße Fortsetzung scholastischer Lehrtraditionen noch bereits moderne Naturwissenschaft.

Michel de Montaigne Von der Erfahrung

Michel Eyquem de Montaigne (1533–1592)

Französischer Schriftsteller und Philosoph. Mit seinen Essais schuf er eine Form des Schreibens, in der Beobachtung, Erinnerung, Zweifel und Selbstprüfung einander fortwährend durchdringen.

De l'expérience (Von der Erfahrung) · Essais, Buch III, Kapitel 13 · erstmals 1588 erschienen · deutsche Übersetzung von Johann Joachim Christoph Bode

In seinem letzten Essay Von der Erfahrung fragt Michel de Montaigne nach den Möglichkeiten und Grenzen menschlicher Erkenntnis. Erfahrung ist ihm unentbehrlich, bietet aber keine letzte Gewißheit: Auch Dinge und Ereignisse, die einander zu gleichen scheinen, sind bei genauer Betrachtung verschieden.

Die Unterschiede zwischen Hühnereiern dienen ihm als Beispiel. Von dort gelangt er zur Gesetzgebung. So zahlreich die Regeln auch sein mögen, die unerschöpfliche Vielfalt menschlicher Handlungen und Lebensumstände können sie niemals vollständig vorwegnehmen. Auch ihre Auslegung schafft neue Fragen und Widersprüche.

Montaigne richtet die Untersuchung zunehmend auf sich selbst. Er betrachtet seine Gewohnheiten, seine körperliche Verfassung, seine Irrtümer und sein Älterwerden. Das eigene Leben wird nicht zum Beweis einer Lehre, sondern zum Gegenstand einer Prüfung, deren Ergebnis offenbleibt.

Beobachtungen, Erinnerungen, überlieferte Gedanken und alltägliche Begebenheiten treten im Essay in wechselnde Beziehungen. Die Abschweifungen gehören zu dieser Bewegung: Montaigne entwickelt seine Gedanken, indem er ihre Tragfähigkeit immer wieder an der Erfahrung erprobt.

Wahlverwandtschaften

Aufmerksamkeit und Muße

Blaise Pascal

Blaise Pascal Die Zerstreuung

Blaise Pascal (1623–1662)

Französischer Mathematiker, Physiker und christlicher Denker. Seine nachgelassenen Pensées verbinden die Analyse der menschlichen Existenz mit einer unvollendeten Verteidigung des christlichen Glaubens.

Divertissement (Die Zerstreuung) · aus den Pensées (Gedanken) · Fragment Brunschvicg 139 / Lafuma 136 / Sellier 168 · erstmals posthum 1670 veröffentlicht

In seinen Pensées untersucht Blaise Pascal das menschliche Bedürfnis nach Zerstreuung. Er beobachtet, wie Menschen Gefahren, Mühen und Unannehmlichkeiten auf sich nehmen, obwohl sie über die äußeren Voraussetzungen für ein ruhiges Leben verfügen.

Der Spieler hängt weniger am Gewinn als an der Erregung des Spiels, der Jäger an der Verfolgung mehr als an seiner Beute. Selbst ein Herrscher, dem es an nichts zu fehlen scheint, sucht Beschäftigung und Unterhaltung. Die Beispiele führen Pascal zu der Frage, weshalb dem Menschen das Verweilen bei sich selbst so schwerfällt.

Was diese unterschiedlichen Tätigkeiten verbindet, ist für Pascal ihre Fähigkeit, den Menschen von der Betrachtung seiner eigenen Lage abzulenken. Solange er beschäftigt ist, muß er sich seiner Vergänglichkeit, seiner Unsicherheit und der Endlichkeit seines Lebens nicht stellen.

Die Zerstreuung ist darum mehr als Unterhaltung. Sie gewährt Erleichterung, indem sie das Bewußtsein der menschlichen Lage verdrängt. Doch sie beseitigt diese Lage nicht. Der vermeintliche Weg zum Glück wird zur fortgesetzten Flucht vor der Frage, worin dieses Glück bestehen könnte.

Pascal beschreibt diese Bewegung nicht nur, um das Treiben der Menschen zu verurteilen. Er erkennt zunächst an, daß die Ablenkung dem Menschen sein Dasein erträglicher macht. Erst danach fragt er, was ihr Trost verdeckt und weshalb sie keine dauerhafte Antwort geben kann.

Diese Überlegungen gehören zu Pascals christlicher Sicht der menschlichen Existenz. Die Frage nach der Unruhe bereitet die Frage vor, ob der Mensch aus eigener Kraft Erfüllung finden kann oder ob sie einen Grund jenseits seiner vergänglichen Existenz voraussetzt.

Wahlverwandtschaften

Bild und Wirklichkeit

Michel de Montaigne

Zeit und Erinnerung

Augustinus von Hippo

Aufmerksamkeit und Muße

Simone Weil

Jean Gebser Ursprung und Gegenwart

Jean Gebser (1905–1973)

Philosoph und Kulturtheoretiker. Er beschrieb unterschiedliche Bewußtseinsstrukturen und die Möglichkeit einer neuen Erfahrung von Zeit und Gegenwart.

Ursprung und Gegenwart · Erster Teil 1949, Zweiter Teil 1953 · Auszüge aus der Gesamtausgabe, Bände II und III

Jean Gebser deutet die Geschichte des Bewußtseins als Folge grundlegender Mutationen. Er unterscheidet archaische, magische, mythische, mentale und integrale Strukturen. Sie sind für ihn nicht bloß abgeschlossene Entwicklungsstufen, sondern wirken auch im gegenwärtigen Menschen fort. Mit der Entdeckung der Perspektive in der Renaissance verbindet er die Bewußtwerdung des Raumes und die Ausbildung eines eigenständigen Ichs; zugleich wächst die Trennung zwischen Mensch und Welt.

In Kunst, Wissenschaft und Sprache seiner Zeit erkennt Gebser Anzeichen einer weiteren Wandlung. Das von ihm so genannte aperspektivische Bewußtsein soll die ausschließliche Geltung des rationalen, räumlich ordnenden Denkens überwinden, ohne dessen Erkenntnisse aufzugeben. Entscheidend ist die neue Erfahrung der Zeit und die Möglichkeit, das Ganze wahrzunehmen. „Ursprung“ bezeichnet dabei keinen vergangenen Anfang: Er ist stets gegenwärtig und kann in einer durchsichtigen Wirklichkeit bewußt werden.

Wahlverwandtschaften

Weitere Nachbarschaften

Hans-Peter DürrWalter Benjamin

Weitere Nachbarschaften

Johann Gottfried Herder

Hans-Peter Dürr Materie, Geist und Wirklichkeit

Hans-Peter Dürr (1929–2014) im Gespräch mit Reinhold Gruber

Deutscher Physiker und Wissenschaftsdenker. Er verband seine Überlegungen zur Quantenphysik mit Fragen nach dem Ganzen und menschlicher Verantwortung.

Materie, Geist und Wirklichkeit (redaktioneller Titel) · Gespräch mit Reinhold Gruber · alpha-Forum, Bayerischer Rundfunk, 29. Mai 1998 · vollständiges Gesprächsprotokoll

Hans-Peter Dürr stellt die Vorstellung in Frage, daß sich die Welt allein aus ihren kleinsten Bestandteilen erklären lasse. Die moderne Physik habe ihm gezeigt, daß das Ganze nicht einfach die Summe seiner Teile sei. Entscheidend seien die Beziehungen und das Zusammenspiel, denen eine rein gegenständliche Betrachtung nicht gerecht werde.

Für das, was dem physikalisch Greifbaren vorausliegt, verwendet Dürr den Begriff der Potentialität: der Möglichkeit zur Verwirklichung. Um ihn anschaulich zu machen, vergleicht er diese Möglichkeit mit dem Geistigen. Eine Ahnung ist bereits erfahrbar, bevor sie sich zu einem bestimmten Gedanken verdichtet. Der Vergleich gehört zu Dürrs philosophischer Deutung physikalischer Erkenntnisse.

Daraus erwächst für ihn auch eine Verantwortung des Wissenschaftlers. Im Gespräch über Umweltzerstörung, Energiepolitik und das Wettrüsten fordert er, nicht allein nach technischer Machbarkeit zu fragen, sondern die Folgen des eigenen Handelns für das Ganze zu bedenken.

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Jean GebserJacob Böhme

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Johann Gottfried Herder

Rolf Elberfeld Zur Handlungsform der „Muße“

Rolf Elberfeld (* 1964)

Deutscher Philosoph und Übersetzer. Er beschäftigt sich mit ostasiatischem Denken, vergleichender Philosophie und Formen der Erfahrung jenseits fester Gegensätze.

Zur Handlungsform der „Muße“. Ostasiatische Perspektiven jenseits von Aktivität und Passivität · in: Paragrana. Internationale Zeitschrift für Historische Anthropologie, Bd. 16, Heft 1, 2007, S. 193–203

Elberfeld untersucht die Muße nicht als bloße Unterbrechung der Arbeit, sondern als eine eigene Form des Handelns. Ausgangspunkt ist Yoshida Kenkōs Tsurezuregusa, dessen absichtsloses Schreiben weder zielgerichtete Tätigkeit noch passives Geschehen ist. Vielmehr scheint sich das Schreiben von selbst einzustellen, während der Schreibende seine Absichten zurücknimmt und offen bleibt für das, was entsteht.

Anhand der japanischen grammatischen Form des Mediums beschreibt Elberfeld ein Handeln jenseits der gewohnten Unterscheidung von Aktivität und Passivität. Die Überlegungen des Zen-Meisters Dōgen zum Selbstvergessen und das daoistische Nicht-Handeln (wuwei) vertiefen diesen Gedanken. Nicht der Wille eines einzelnen Subjekts bestimmt das Geschehen; Handlung entsteht vielmehr im Zusammenwirken aller beteiligten Bedingungen.

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Jakob Michael Reinhold Lenz Briefe

Jakob Michael Reinhold Lenz (1751–1792)

Deutschsprachiger Dramatiker und Dichter des Sturm und Drang. Seine Briefe und Stücke zeugen vom Ringen um eine eigene künstlerische Form.

Brief an Johann Heinrich Merck · Straßburg, 14. März 1776 · Kritische Briefausgabe, herausgegeben von Gregor Babelotzky · Jakob Lenz Archiv Heidelberg, 2026

Im März 1776 schreibt Lenz aus Straßburg an Johann Heinrich Merck, während er sich überstürzt auf eine Reise vorbereitet. Zwischen Dankbarkeit für die Freundschaft und Nachrichten über Manuskripte, die teils schon im Druck, teils in Goethes Händen sind, spricht er schonungslos über die eigene Arbeit. Seine Dichtungen erscheinen ihm noch ohne Stil, unfertig und ungeordnet. Was ihm fehle, sei nicht allein Zeit, sondern Muße, Wärme und Glückseligkeit des Herzens. Dennoch hofft er, unterwegs noch ungeformten Entwürfen Gestalt zu geben.

Daneben zeigt sich sein Verhältnis zur Sprache. Lenz begrüßt Herders Knittelverse und wendet sich gegen die vollkommen geglättete, modische Verskunst.

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Rainer Maria RilkeThomas Bernhard

Larisa Schepitko Nicht Abschied nehmen

Лариса Ефимовна Шепитько [Larisa Schepitko] (1938–1979)

Sowjetische Filmregisseurin. In Filmen wie Flügel und Aufstieg stellte sie Gewissensentscheidungen und die innere Freiheit des Menschen ins Zentrum.

Непрощание (Nicht Abschied nehmen) · Fernsehgespräch mit Felicia von Nostitz, West-Berlin, Februar 1978 · veröffentlicht in Первое сентября, Nr. 13/2004, in gekürzter Fassung · russischer Originaltext

Im Gespräch über ihre Filme widerspricht Schepitko der Auffassung, Aufstieg sei eine von der Geschichte losgelöste Erzählung. Jeder Film bringe seine Zeit zum Ausdruck. Gerade deshalb sei die Frage nach dem Heroischen nicht auf den Krieg beschränkt. Ein kleiner Kompromiß könne sich im Alltag unbemerkt zu Anpassung und schließlich zum Verrat an den eigenen Überzeugungen steigern.

Schepitko erklärt, weshalb sie ihre Figuren außergewöhnlichen körperlichen und seelischen Belastungen aussetzt: In Grenzsituationen offenbaren sich für sie das Gewissen und die innere Haltung eines Menschen. Auch den Schluß ihres Films Flügel deutet sie nicht als Selbstvernichtung. Die ehemalige Pilotin kehrt in die Luft und damit zu ihrer eigentlichen Berufung zurück. Das Gespräch verbindet filmische Gestaltung mit der Frage, ob ein Mensch sein eigenes Leben führt oder sich von sich selbst entfernt.

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Akira Kurosawa Mich interessiert die Wahrheit

黒沢明 [Akira Kurosawa] (1910–1998)

Japanischer Filmregisseur. Mit Werken wie Rashomon, Die sieben Samurai und Ran prägte er das internationale Kino.

Mich interessiert die Wahrheit · Gespräch mit Umberto Rondi · taz, 22. März 1990 · aus dem Italienischen von Thierry Cherve

Kurosawa spricht über seine Suche nach der Wahrheit filmischer Bilder. Die möglichst genaue Darstellung einer vergangenen Epoche beginnt für ihn bei den Farben der Stoffe und den Kostümen. Was als Perfektionismus bezeichnet wird, versteht er als Verpflichtung, einer vorgestellten Welt so genau wie möglich Gestalt zu geben.

Das Drehbuch bildet für ihn die Grundlage des Films, darf jedoch während der Dreharbeiten nicht unangetastet bleiben: Neue Einfälle können eine Szene verändern. Im Schnitt hingegen müsse der Regisseur auch gelungene Einfälle verwerfen, wenn sie sich dem Ganzen nicht einfügen. Ebenso wichtig wie die Bilder sind ihm Musik und Geräusche. Selbst wenn der Film in Traumwelten führt, sollen seine Klänge von etwas Wirklichem und Wiedererkennbarem ausgehen.

Kurosawa beschreibt auch die Geduld, die eine Aufnahme verlangt: Für einen bestimmten Moment des Abendlichts könne man nur warten. Jungen Filmemachern empfiehlt er, zu schreiben und immer wieder zu lesen. Erst in der sprachlichen Gestaltung zeige sich, ob eine Vorstellung tragfähig sei.

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Georges BatailleDie Sprache der Blumen

Georges Bataille (1897–1962)

Französischer Schriftsteller und Denker. Seine Texte untersuchen das Verhältnis von Begehren, Tabu, Überschreitung und den Grenzen begrifflicher Ordnung.

Le langage des fleurs [Die Sprache der Blumen] · Documents, Nr. 3, Juni 1929, S. 160–168 · Redaktioneller deutscher Titel

Was erkennen wir, wenn wir eine Blume betrachten? Die Schönheit der Blüte scheint unmittelbar verständlich; zugleich verbinden wir Blumen mit feststehenden Vorstellungen von Liebe, Reinheit oder Trauer. Georges Bataille fragt, wieviel diese Deutungen mit der tatsächlichen Erscheinung der Pflanze zu tun haben.

Er wendet sich gegen eine Blumensprache, die in einzelnen Formen nur Zeichen für menschliche Gefühle sucht. An der Pflanze beschäftigt ihn gerade das, was der schöne Anblick der Blüte verdeckt: ihre stoffliche Existenz, die Wurzeln, die Vermehrung, das Vergehen. Die scheinbar reine Gestalt läßt sich nicht von ihrer widersprüchlichen, auch befremdlichen Natur trennen.

Bataille führt vor, wie eine idealisierende Wahrnehmung durch die genauere Betrachtung ihres Gegenstandes erschüttert werden kann. Das Bild verliert seine festgelegte Bedeutung. Die Schönheit erscheint nicht als unveränderliche Eigenschaft, sondern als Ausdruck eines Blicks, der manches hervorhebt und anderes ausspart.

Pierre Reverdy Das poetische Bild

Pierre Reverdy (1889–1960)

Französischer Dichter. Seine Überlegungen zum poetischen Bild wirkten auf die Entwicklung der modernen Lyrik und des Surrealismus.

L’image · 1918

Reverdy versteht das poetische Bild als eine Schöpfung des Geistes. Es entsteht nicht durch den Vergleich zweier Dinge, sondern durch die Begegnung von Wirklichkeiten, die zunächst weit voneinander entfernt scheinen. In ihrer Verbindung kann ein Zusammenhang sichtbar werden, den keines der beiden Elemente für sich allein erkennen ließe. Je unerwarteter diese Begegnung ist und je genauer die Beziehung, die sie hervorbringt, desto größer ist die Kraft des Bildes.

Doch nicht jede überraschende Zusammenstellung vermag ein poetisches Bild hervorzubringen. Wo jede Beziehung fehlt, bleibt die Verbindung willkürlich; wo sich die Dinge lediglich widersprechen, verharren sie im Gegensatz. Auch das Ungewöhnliche oder Phantastische besitzt für sich genommen noch keine dichterische Kraft.

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Hildegard Knef

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Adele Schopenhauer

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Johann Jakob Bodmer

Friedrich Wilhelm Nietzsche Wahrheit und Metapher

Friedrich Wilhelm Nietzsche (1844–1900)

Deutscher Philosoph und Schriftsteller. Er befragte Moral, Wahrheit, Sprache und Kunst auf ihre geschichtlichen und menschlichen Voraussetzungen.

Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne · 1873, aus dem Nachlaß; erstmals 1896 veröffentlicht · Philosophischer Essay · redaktioneller Titel · Text nach der Kritischen Studienausgabe, Bd. 1, S. 875–890

Nietzsche fragt, ob unsere Sprache die Wirklichkeit überhaupt unmittelbar erfassen kann. Zwischen einem äußeren Eindruck und seiner sprachlichen Bezeichnung liegen für ihn bereits mehrere Übertragungen: Ein Nervenreiz wird zum Bild, das Bild zum Laut. Begriffe entstehen, indem wir Verschiedenes gleichsetzen und von den Besonderheiten einzelner Erfahrungen absehen.

Was wir Wahrheit nennen, beruht nach Nietzsche wesentlich auf sprachlichen Übereinkünften, deren bildhaften Ursprung wir vergessen haben. Die Begriffe schaffen Ordnung, doch diese Ordnung darf nicht mit dem Wesen der Dinge verwechselt werden.

In der Kunst erkennt Nietzsche eine andere Möglichkeit des Denkens. Hier werden festgewordene Begriffe aufgebrochen und neue Metaphern hervorgebracht. Die schöpferische Vorstellungskraft vermag die vertraute Welt zu verwandeln und den Menschen von den gewohnten Formen seiner Erkenntnis zu lösen.

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Bild und Wirklichkeit

Michel de Montaigne

Franz Kafka Von den Gleichnissen

Franz Kafka (1883–1924)

Deutschsprachiger Schriftsteller aus Prag. Seine Erzählungen und Romane gestalten Erfahrungen der Fremdheit, Schuld und unerreichbaren Gewißheit.

Von den Gleichnissen · Prosastück, entstanden 1922 · Erstmals 1931 in Beim Bau der chinesischen Mauer veröffentlicht · Originaltitel

Kafka beginnt mit einer Klage: Die Gleichnisse der Weisen verweisen auf ein unbekanntes Drüben, helfen aber nicht bei den Schwierigkeiten des täglichen Lebens. Was sie zu sagen scheinen, ist längst bekannt – daß das Unfaßbare unfaßbar bleibt.

Ein anderer Sprecher widerspricht. Wer den Gleichnissen folge, könne selbst zum Gleichnis werden und sich dadurch von den Mühen des Alltags befreien. Doch auch diese Behauptung wird sogleich zum Gegenstand eines Wortwechsels, in dem sich Gewinnen und Verlieren, Gleichnis und Wirklichkeit widersprechen.

Kafka erklärt nicht, wie ein Gleichnis richtig zu verstehen sei. Vielmehr führt er vor, wie sich die vermeintlich klare Grenze zwischen bildlicher Rede und gelebter Wirklichkeit im Sprechen selbst verschiebt. Das Gleichnis bleibt nicht bloßer Hinweis auf etwas anderes; es verändert die Bedingungen, unter denen von diesem Anderen gesprochen werden kann.

Thomas Bernhard Nie und mit nichts fertig werden

Thomas Bernhard (1931–1989)

Österreichischer Schriftsteller und Dramatiker. Seine oft kreisende Sprache macht Zweifel, Widerspruch und geistige Unruhe zu Gegenständen der Literatur.

Nie und mit nichts fertig werden · Dankrede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises, Darmstadt, 17. Oktober 1970 · Erschienen im Jahrbuch 1970 der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, 1971, S. 83–84 · Originaltitel

Bernhard stellt die Sprache als ein zutiefst widersprüchliches Mittel menschlicher Verständigung dar. Wörter sollen Erkenntnis ermöglichen, doch sie können ebenso täuschen, verschleiern und verfälschen. Zwischen dem, was ein Mensch erfährt, und dem, was er darüber sagen kann, bleibt eine unüberwindbar scheinende Kluft.

Das Denken erscheint ihm als ein Vorgang, der feste Begriffe nicht bestätigt, sondern fortwährend auflöst. Auch das Leben selbst beschreibt er mit dem Bild eines Theaters, dessen Zusammenhänge und Regeln den Beteiligten verborgen bleiben.

Am Ende richtet sich die Rede auf die künstlerische Arbeit. Ihr wesentliches Problem besteht darin, etwas zu Ende bringen zu müssen, obwohl nichts jemals endgültig abgeschlossen werden kann. Schaffen bedeutet für Bernhard, unter Bedingungen des Zweifels und des Mißtrauens dennoch weiterzuarbeiten.

Byung-Chul Han Das Verschwinden des Geheimnisses

한병철 [Byung-Chul Han] (* 1959)

In Südkorea geborener Philosoph und Kulturkritiker. Er untersucht Leistungsdruck, Transparenz und die Veränderungen menschlicher Wahrnehmung.

Transparenzgesellschaft · 2012 · Auszüge aus „Positivgesellschaft“ und „Ausstellungsgesellschaft“ · Redaktioneller Titel

Byung-Chul Han untersucht die Forderung nach Transparenz als Ausdruck einer Gesellschaft, die alles sichtbar, verfügbar und berechenbar machen will. Was sich der unmittelbaren Erfassung entzieht – das Fremde, das Geheimnis, die Unbestimmtheit –, erscheint darin als Hindernis. Doch gerade diese Bereiche sind für Han Bedingungen menschlicher Freiheit, lebendiger Beziehungen und geistiger Erfahrung.

Auch die Bilder unterliegen diesem Wandel. An die Stelle einer Photographie, die Erinnerung, Vergänglichkeit und eine verborgene Tiefe bewahrt, tritt das vollständig ausgestellte Bild. Sichtbarkeit wird zum eigenen Wert, während das Dargestellte seine Unverfügbarkeit verliert.

Han unterscheidet deshalb zwischen Information und Wahrheit: Eine Vermehrung des Sichtbaren führt nicht notwendig zu größerer Erkenntnis. Denken bedarf der Unterbrechung, der Distanz und dessen, was sich nicht restlos zeigen läßt.

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Marguerite DurasMaurice Blanchot

Fjodor Dostojewski Der Traum eines lächerlichen Menschen

Фёдор Михайлович Достоевский [Fjodor Michailowitsch Dostojewski] (1821–1881)

Russischer Romancier und Erzähler. Sein Werk stellt Fragen nach Freiheit, Schuld, Glauben und der Möglichkeit innerer Wandlung.

Сон смешного человека · Eine phantastische Erzählung · erstmals erschienen im Tagebuch eines Schriftstellers, April 1877 · deutsche Übersetzung von Hermann Röhl, in: Kleine Romane und Erzählungen. Zweiter Teil, Insel-Verlag, Leipzig 1921–1923

Ein Mann, dem die Welt gleichgültig geworden ist, beschließt, sich das Leben zu nehmen. Auf der Straße weist er ein verzweifeltes Mädchen ab, das ihn um Hilfe bittet. Gerade diese Begegnung bringt seinen Entschluß ins Wanken. Er schläft ein und träumt, er sei gestorben und auf eine andere Erde gelangt.

Die Menschen dort leben in ursprünglichem Einklang, ohne Lüge, Gewalt und gegenseitiges Mißtrauen. Doch durch den Fremden kommt die Unwahrheit in ihre Welt. Eifersucht, Besitzdenken und Streit entstehen; die Bewohner verlieren ihr Glück und suchen es durch Gesetze und Lehren wiederzugewinnen. Der Träumende erkennt sich als Mitverursacher dieses Verfalls.

Nach dem Erwachen ist seine Gleichgültigkeit überwunden. Die Wahrheit, die er im Traum erfahren hat, läßt sich für ihn nicht durch eine Erklärung ersetzen: Sie verlangt eine Veränderung des Lebens. Er beschließt, von ihr zu sprechen, und sucht das Mädchen wieder auf.

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László KrasznahorkaiAlexander Puschkin

Matsuo Bashō Wegbericht einer Wanderfahrt nach Sarashina

松尾芭蕉 [Matsuo Bashō] (1644–1694)

Japanischer Dichter und Wanderer der Edo-Zeit. Er verband Haiku und Reiseprosa zu einer Kunst genauer, flüchtiger Wahrnehmung.

Sarashina-kikō · 1688 · Deutsche Übersetzung und Einleitung von Horst Hammitzsch, in: Nachrichten der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens, Heft 79–80 (1956), S. 103–110

Bashōs Reise nach Sarashina beginnt mit dem Wunsch, den Vollmond über dem Obasute-Berg zu sehen. Gemeinsam mit seinem Schüler Etsujin folgt er der beschwerlichen Kiso-Straße. Steile Wege, ein gefährlicher Ritt und die Begegnung mit einem Wandermönch bestimmen die Wanderung. Selbst das Dichten gelingt nicht nach Belieben: Während die Erzählungen des Mönchs die Sammlung stören, eröffnen das Mondlicht, die nächtlichen Geräusche und ein gemeinsamer Umtrunk neue Wahrnehmungen.

Am Obasute-Berg verbindet sich die Mondschau mit der überlieferten Geschichte einer alten Frau, die dort ausgesetzt worden sein soll. Aus der Betrachtung der Landschaft erwächst eine Empfindung menschlicher Einsamkeit und Vergänglichkeit.

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Francesco Petrarca

Daisetz Teitarō Suzuki Eine Blume betrachten

鈴木大拙 [Daisetz Teitarō Suzuki] (1870–1966)

Japanischer Religionsphilosoph und Vermittler des Zen-Buddhismus zwischen Japan und dem Westen. Seine Schriften beschäftigen sich mit unmittelbarer Erfahrung, Erleuchtung, Kunst und den Grenzen begrifflicher Erkenntnis.

Über Zen-Buddhismus, Abschnitt „Ost und West“ · aus: Zen-Buddhismus und Psychoanalyse, herausgegeben von Erich Fromm, Daisetz Teitarō Suzuki und Richard De Martino, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1972 · Auszug in einem Tübinger Textband, S. 96–100 · „Eine Blume betrachten“: redaktioneller Titel

Suzuki stellt zwei Gedichte über die Begegnung mit einer Blume gegenüber. Matsuo Bashō entdeckt an einer Hecke eine unscheinbare Nazuna. Er betrachtet sie aufmerksam und läßt sie unberührt. Alfred Tennyson dagegen pflückt eine Blume mitsamt den Wurzeln aus einer Mauerspalte. Er möchte verstehen, was sie ist, und hofft, darin etwas über Gott und Mensch zu erkennen.

In diesen beiden Gesten erkennt Suzuki unterschiedliche Weisen, sich der Wirklichkeit zu nähern. Bashōs stilles Schauen bewahrt die Blume an ihrem Ort; sein Gedicht läßt eine Erfahrung gegenwärtig werden, die keiner Erklärung bedarf. Tennyson trennt die Pflanze von ihrer Umgebung, um sie untersuchen und begreifen zu können. Das Verlangen nach Erkenntnis verändert dabei den Gegenstand, auf den es sich richtet.

Suzuki weitet diesen Gegensatz zu einer Betrachtung östlicher und westlicher Geisteshaltungen aus. Seine Gegenüberstellung ist eine zugespitzte Deutung zweier Gedichte, keine erschöpfende Beschreibung ganzer Kulturen. Das kleine Bild der Blume führt zu der Frage, ob Erkenntnis allein aus dem Erfassen und Unterscheiden entsteht – oder auch aus einer Aufmerksamkeit, die das Betrachtete unangetastet läßt.

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Menachem Mendel Schneerson

Hans Jürgen von der WenseDie Welt im Gehen

Hans Jürgen von der Wense (1894–1966)

Deutscher Schriftsteller, Komponist und leidenschaftlicher Wanderer. Seine verstreuten Aufzeichnungen verbinden Landschaftsbeobachtung, Sprachfunde und historische Erkundung.

Routen I. Südniedersachsen · Aufzeichnungen und Briefe, herausgegeben von Reiner Niehoff, Matthes & Seitz Berlin, 2023 · Redaktioneller Titel

Hans Jürgen von der Wense durchwanderte über Jahrzehnte die deutschen Mittelgebirge, vor allem in Südniedersachsen, Ostwestfalen und Nordhessen. Immer wieder kehrte er zu vertrauten Wegen zurück. Er beobachtete Geländeformen, Bäume, Wolken und Ortsnamen, verfolgte historische Spuren und verband die genaue Wahrnehmung eines Ortes mit Erinnerungen, sprachlichen Einfällen und weitreichenden gedanklichen Beziehungen.

Die Landschaft war für Wense weder bloße Kulisse noch ein Gegenstand, den es abschließend zu beschreiben galt. Seine Briefe und Aufzeichnungen lassen das Gehen als eine Weise der Erkenntnis hervortreten: Indem er sich einem kleinen Ausschnitt der Welt mit beharrlicher Aufmerksamkeit zuwendet, gewinnt dieser eine ungeahnte Weite.

Wenses hinterlassene Texte sind kein geschlossenes System. Sie entstehen in Bewegung, aus einzelnen Funden und Augenblicken, und führen von der Beobachtung zur dichterischen Form. Seine Wanderungen lassen die Welt nicht hinter sich; sie bringen sie in immer neuen Verbindungen zur Sprache.

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Johann Wolfgang von Goethe

Georg Büchner Das Kunstgespräch

Karl Georg Büchner (1813–1837)

Deutscher Dramatiker und Erzähler, zugleich Naturwissenschaftler. Seine Werke verbinden politische Erfahrung mit einer genauen Wahrnehmung menschlicher Existenz.

Das Kunstgespräch · Auszug aus Lenz · entstanden vermutlich 1835–1836, erstmals postum veröffentlicht 1839 in Telegraph für Deutschland

Im Gespräch mit Kaufmann widerspricht Lenz einer Kunstauffassung, die das Leben idealisieren und verschönern möchte. Nicht Schönheit oder Häßlichkeit entscheiden für ihn über den Wert einer Darstellung, sondern ob das Geschaffene lebendig erscheint. Er fordert vom Künstler, sich in die Existenz auch des geringsten Menschen zu versenken und dessen unauffällige Gebärden und Regungen wahrzunehmen.

An zwei jungen Frauen, die er am Wegesrand beobachtet hat, beschreibt Lenz eine flüchtige Konstellation von Haltung, Licht und Bewegung. Die Erscheinung läßt sich nicht festhalten; schon im nächsten Augenblick löst sich das Bild auf und bildet sich neu. Die Kunst soll solche Wirklichkeit nicht nach einem vorgegebenen Ideal zurechtrücken, sondern ihr eigenes Leben zur Anschauung bringen.

Das Kunstgespräch gehört zur Erzählung Lenz. Seine Aussagen sind Teil der literarischen Figur und dürfen nicht ohne weiteres als unmittelbares Bekenntnis Büchners verstanden werden.

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Sprache und Schweigen

Wolfgang HildesheimerChrista Wolf

Wolfgang HildesheimerDie Welt schweigt

Wolfgang Hildesheimer (1916–1991)

Schriftsteller, Dramatiker und Maler. Bekannt für Hörspiele, Theaterstücke und Prosa; 1966 erhielt er den Georg-Büchner-Preis.

Über das absurde Theater. Eine Rede · Vortrag bei den Erlanger Theaterwochen 1960 · hier nach dem Abdruck in Deutsche Dramaturgie der Sechziger Jahre, hrsg. von Helmut Kreuzer und Peter Seibert, Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1974 · redaktioneller Titel

Hildesheimer untersucht das absurde Theater nicht als bloßes Spiel mit dem Unwahrscheinlichen, sondern als eine künstlerische Form, in der der Mensch der Unverständlichkeit seiner Existenz begegnet. Die Bühne zeigt eine Welt, die sich nicht in einer folgerichtigen Handlung auflösen und durch eine abschließende Deutung beruhigen läßt.

Anders als eine Parabel, deren Sinn sich durch die Entschlüsselung eines Gleichnisses erschließt, verweigert das absurde Stück nach Hildesheimer eine solche eindeutige Aussage. Gerade seine unlogischen Situationen und seine scheinbar sinnlosen Sprachbewegungen lassen die Fragwürdigkeit des Daseins erfahrbar werden. Damit richtet sich sein Blick auch auf die Erwartungen des Zuschauers, der vom Theater Erklärungen und Antworten verlangt.

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Georg BüchnerMax FrischAristophanesJohann Jakob Bodmer

Sprache und Schweigen

Ingeborg Bachmann

Max Frisch Bilder gegen die Abstraktion

Max Frisch (1911–1991)

Schweizer Schriftsteller und Architekt. In Romanen, Theaterstücken und Essays untersuchte er Identität, Selbstbilder und gesellschaftliche Verantwortung.

Dankrede zum Georg-Büchner-Preis · Darmstadt, 8. November 1958 · später unter dem Titel Emigranten veröffentlicht · redaktioneller Titel

Frisch untersucht, welche Aufgabe dem Schriftsteller in einer Welt zukommt, die von politischen Ideologien und gegensätzlichen Weltbildern geprägt ist. Er wendet sich gegen die Vorstellung, Literatur müsse sich einer bestimmten Lehre verpflichten, um gesellschaftlich wirksam zu sein.

Am Beispiel Georg Büchners erläutert er, wie politische Erfahrung in dichterische Gestaltung übergeht. Büchners Figuren sind keine bloßen Vertreter einer Weltanschauung. Gerade indem er Menschen in ihrer Widersprüchlichkeit darstellt, gewinnt sein Werk eine Wahrheit, die sich ideologischer Vereinnahmung entzieht.

Frisch sieht die Aufgabe des Schriftstellers deshalb in der Wahrhaftigkeit seiner Darstellung. Literatur kann die Gewalt der Welt nicht unmittelbar beseitigen. Sie vermag jedoch den abstrakten Bildern vom Menschen konkrete menschliche Existenzen entgegenzusetzen. Die künstlerische Form wird so zu einer Möglichkeit geistiger Unabhängigkeit.

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Ingeborg BachmannDie Wahrheit ist dem Menschen zumutbar

Ingeborg Bachmann (1926–1973)

Österreichische Lyrikerin, Erzählerin und Hörspielautorin. Ihr Werk fragt nach dem Verhältnis von Sprache, Gewalt und der verändernden Kraft der Dichtung.

Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar · Dankrede anläßlich der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden für Der gute Gott von Manhattan · Bonn, 17. März 1959 · Originaltitel

In ihrer Dankesrede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden fragt Ingeborg Bachmann nach der Verantwortung des Schriftstellers gegenüber dem menschlichen Leid. Worte, die lediglich Trost versprechen, erscheinen ihr unzureichend. Die Kunst soll den Schmerz weder leugnen noch verdecken, sondern ihn so zur Darstellung bringen, daß er erkannt werden kann.

Am Beispiel ihres Hörspiels Der gute Gott von Manhattan spricht Bachmann über die Liebe als Grenzerfahrung. Auch im alltäglichen Leben entdeckt sie den Wunsch, das Gegebene zu überschreiten. Zwischen dem Möglichen und dem Unerreichbaren entsteht eine Spannung, durch die sich menschliche Möglichkeiten erweitern.

Kunst erhält damit eine Aufgabe, die über bloße Mitteilung hinausgeht. Sie soll nicht beruhigen oder fertige Antworten anbieten, sondern Wahrnehmung und Erkenntnis verändern. Wahrheit erscheint bei Bachmann nicht als Besitz, sondern als etwas, dem sich der Mensch aussetzen muß.

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Max FrischAlbert Camus

Peter Handke Die Geborgenheit unter der Schädeldecke

Peter Handke (* 1942)

Österreichischer Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger 2019. Seine Prosa, Theaterstücke und Essays verfolgen die Möglichkeiten einer erneuerten Wahrnehmung und Sprache.

Die Geborgenheit unter der Schädeldecke · Für Ingeborg Bachmann · Dankrede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises, Darmstadt, 20. Oktober 1973

Handke fragt in seiner Dankrede, wie aus persönlicher Betroffenheit politisches Denken erwächst. Er spricht von der Angst angesichts der Gewalt und von seinem Widerwillen gegen eine Sprache, die Erlebnisse in fertigen Begriffen aufgehen läßt. Beim Betrachten einer Photographie aus einem Konzentrationslager bemerkt er plötzlich die Stellung der Füße eines Gefangenen. Das zuvor zu einem austauschbaren Symbol gewordene Bild gewinnt dadurch seine menschliche Gegenwart zurück.

Daraus entwickelt Handke seine Vorstellung eines poetischen Denkens, das verfestigte Begriffe auflöst und neue Wahrnehmungen ermöglicht. Das Schreiben soll nicht vorschnell auf Urteile und Erklärungen hinauslaufen, sondern die Eigenart einer Erscheinung sichtbar machen. Erinnerung und erzählte Erfahrung können, so Handke, Mitgefühl und Aufmerksamkeit wecken, wo abstrakte Rede an ihre Grenzen stößt.

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Max FrischPierre ReverdyAngela WinklerChrista Wolf

Sprache und Schweigen

Ingeborg Bachmann

Christa WolfDie andere Karte

Christa Wolf (1929–2011)

Deutsche Schriftstellerin, die überwiegend in der DDR lebte und arbeitete. In Werken wie Nachdenken über Christa T., Kindheitsmuster und Kassandra verband sie persönliche Erinnerung mit der Frage nach geschichtlicher und gesellschaftlicher Verantwortung. 1980 erhielt sie den Georg-Büchner-Preis.

Dankrede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises · Darmstadt, 16. Oktober 1980 · „Die andere Karte“: redaktioneller Titel

Christa Wolf spricht über die Verflechtung von Schreiben und Leben, von Verantwortung und Schuld. Die Schriftstellerin kann sich den Widersprüchen ihrer Zeit nicht dadurch entziehen, daß sie sich auf ihre Kunst beruft. Sie muß wahrnehmen, sich einmischen und auch das eigene Versagen als Teil ihrer Erfahrung anerkennen.

Im Angesicht des atomaren Wettrüstens fragt Wolf, wie es möglich ist, die Vernichtung ganzer Städte in militärischen Planungen zu berechnen und zugleich von den Menschen und ihrem Leben abzusehen. Die Sprache der strategischen Kalkulation erscheint ihr als Mittel, die Folgen des eigenen Handelns auf Abstand zu halten. Dagegen setzt sie die Literatur: Sie bewahrt die Einzelheiten einer Welt, die auf den Karten möglicher Zerstörung nur noch als Ziel erscheint.

Den Karten des Todes, so ihr Gedanke, könnte die Literatur eine eigene Karte entgegenhalten – mit den Orten der Kindheit, der Liebe, der Demütigung, mit Landschaften und menschlichen Beziehungen. Was genau und mit Anteilnahme beschrieben ist, läßt sich vielleicht nicht mehr so leicht in eine abstrakte Größe verwandeln. Die Hoffnung, die darin liegt, bezeichnet Wolf selbst als unvernünftig; sie hält dennoch an ihr fest.

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Sprache und Schweigen

Ingeborg BachmannPeter Handke

Zeit und Erinnerung

Walter Benjamin

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Max FrischGeorg BüchnerAlbert Camus

Fred Kelemen Im dunklen Spiegel

Fred Kelemen (* 1964)

Deutscher Filmregisseur, Kameramann und Autor. Seine Arbeiten suchen im Verhältnis von Dunkelheit, Dauer und Bewegung nach den geistigen Möglichkeiten des Films.

Im dunklen Spiegel – Von Irrlichtern und Bildern · 2015 · bearbeitete Fassung der Jonas Mekas Lecture an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, 27. Januar 2015 · in: Texte zum Geistigen im Film, 2017, S. 65–68

Fred Kelemen beginnt mit einer Unterscheidung, die im alltäglichen Sehen leicht verlorengeht: Die Wirklichkeit besteht unabhängig von ihren Bildern. Da auch ein blinder Mensch an ihr teilhat, kann das Sichtbare nicht mit der Wirklichkeit selbst gleichgesetzt werden. Bilder können auf sie hinweisen – oder sie verdecken.

Angesichts der unaufhörlichen Zirkulation schnell konsumierbarer Bilder fragt Kelemen, was überhaupt noch sichtbar wird. Viele dieser Bilder übermitteln lediglich Informationen. Sie zeigen einen Befund, ohne das Befinden eines Menschen erfahrbar zu machen; ihre vertrauten Muster lösen Reaktionen aus, statt zur Wahrnehmung anzuregen. Solche Bilder nennt Kelemen Irrlichter: Sie ziehen den Blick auf sich und verstellen zugleich das, worauf es ankommt.

Dem setzt er eine Vorstellung des Erzählens entgegen, in der das Bild nicht alles erklärt. Ein wahrhaftiges Bild bleibt durchlässig für eine Wirklichkeit jenseits seiner Oberfläche. Sein Sinn läßt sich nicht einfach ablesen: Der Betrachter muß ihn mit eigener Erfahrung und Vorstellungskraft erschließen. Kelemen begreift dieses Mitwirken als eine Beziehung zum eigenen Leben und zum Leben anderer.

Die Schönheit, von der er spricht, meint deshalb weder Gefälligkeit noch den bloßen Schock. Sie kann erschüttern, weil sie eine verborgene Erfahrung berührt und den Betrachter für etwas öffnet, das sich nicht unmittelbar zeigen läßt.

Pier Paolo PasoliniDas Kino der Poesie

Pier Paolo Pasolini (1922–1975)

Italienischer Dichter, Schriftsteller, Filmregisseur und Essayist. In Filmen wie Accattone und Das 1. Evangelium – Matthäus verband er gesellschaftliche Wirklichkeit mit bildnerischer Gestaltung.

Il cinema di poesia · Vortrag auf der Mostra Internazionale del Nuovo Cinema, Pesaro, 1965 · später in Empirismo eretico, 1972 · deutscher Beitragstitel übersetzt

In seinem Vortrag Il cinema di poesia (1965) untersucht Pier Paolo Pasolini die Möglichkeit einer eigenständigen poetischen Filmsprache. Er unterscheidet zwischen einem Kino der Prosa, in dem die Kamera vor allem der Erzählung dient, und einem Kino der Poesie, in dem die filmische Gestaltung selbst hervortritt.

Ausgehend von der literarischen Form der erlebten Rede entwickelt Pasolini den Begriff der soggettiva libera indiretta, einer freien indirekten subjektiven Sicht. Die Kamera nähert sich der Wahrnehmung einer Figur, ohne vollständig mit ihr zusammenzufallen. Was sichtbar wird, gehört zugleich zur Welt der Figur und zur künstlerischen Vorstellung des Regisseurs.

Pasolini beschreibt die sprachlichen Mittel dieser Gestaltung: ungewöhnliche Bildausschnitte, wechselnde Brennweiten, Bewegungen der Kamera, auffällige Schnitte und die beharrliche Dauer einzelner Einstellungen. Die Kamera soll nicht mehr unbemerkt bleiben. Ihre Gegenwart wird selbst zum Bestandteil des Ausdrucks.

Dabei unterscheidet Pasolini die poetische Wirkung eines Films von einer ausdrücklich poetischen Filmsprache. Auch das klassische Kino, etwa die Filme Chaplins, kann für ihn von großer poetischer Kraft sein, ohne seine technischen Mittel hervortreten zu lassen. Die Unterscheidung bezeichnet deshalb keine Rangordnung.

Zugleich betrachtet Pasolini die neue Filmsprache im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen seiner Gegenwart. Selbst eine radikal erscheinende künstlerische Form kann zum Ausdruck einer neuen Konvention werden.

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Marguerite Duras Das Schwarz zwischen Bild und Stimme

Marguerite Duras (1914–1996)

Französische Schriftstellerin und Filmregisseurin. In ihren Texten und Filmen erforschte sie Erinnerung, Begehren und das Verhältnis von Stimme und Bild.

Le noir Atlantique · eigener Aufsatz · Des femmes en mouvement hebdo, Nr. 57, 11. September 1981, S. 30–31 · deutscher Titel redaktionell · französischer Originaltext

Marguerite Duras berichtet von der Entstehung ihrer Filme Agatha und L’Homme atlantique. Für den zweiten standen ihr nicht genügend Aufnahmen zur Verfügung. Doch statt zusätzliche Bilder zu drehen, ließ sie große Teile des Films schwarz. Was zunächst wie ein Mangel erscheinen konnte, eröffnete ihr eine neue künstlerische Möglichkeit.

Die schwarze Fläche ist für Duras kein bloßes Nichts. Sie besitzt eine eigene Dauer und Bewegung. Gerade weil sie nichts Gegenständliches vor Augen führt, verändert sie die Beziehung zwischen Sehen und Hören. Die Stimme tritt hervor, und der geschriebene Text gewinnt eine Freiheit, die eine fortlaufende Bebilderung nach Duras’ Auffassung einschränken würde.

Damit stellt Duras die gewohnte Vorrangstellung des sichtbaren Bildes im Kino in Frage. Sie sucht eine Form, in der das Ungesehene nicht durch Darstellung ersetzt wird. Das Schwarz läßt Raum für Erinnerung, innere Bilder und die Erfahrung einer Stimme, deren Bedeutung sich nicht in der sichtbaren Handlung erschöpft.

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Lord Byron

Sprache und Schweigen

Pascal Quignard

Michelangelo Antonioni Das Ereignis und das Bild

Michelangelo Antonioni (1912–2007)

Italienischer Filmregisseur und Autor. Seine Filme untersuchen Entfremdung, Wahrnehmung und die Ausdruckskraft von Räumen und scheinbar nebensächlichen Augenblicken.

Il fatto e l’immagine · Cinema nuovo, Nr. 164, Juli–August 1963 · deutscher Titel redaktionell · englische Übersetzung: The Event and the Image

Antonioni beschreibt das Sehen als eine wesentliche Aufgabe des Regisseurs. Im Unterschied zum unbewegten Bild erfasse der Film eine Wirklichkeit, die sich fortwährend verändert. Ihr Sinn liege nicht allein im einzelnen Vorgang, sondern in den räumlichen und zeitlichen Beziehungen zwischen Menschen, Orten und Geschehnissen. Bild und Ton bildeten dabei ein unteilbares Ganzes, das erst in seiner Dauer Gestalt gewinnt.

Als Beispiel erinnert Antonioni an eine Begebenheit am Strand von Nizza: Ein Badender wird tot im Wasser entdeckt, Schaulustige sammeln sich. Für einen Film, so seine Überlegung, würde er gerade dieses Ereignis aus der Szene entfernen. Übrig blieben die weiße, menschenleere Promenade, eine einsame Gestalt und die Stille. Die Nachricht vom Tod wäre überflüssig; die eigentliche Erfahrung von Unruhe und Leere entstünde durch das Bild selbst.

Iwan Bunin Hundertacht

Иван Алексеевич Бунин [Iwan Bunin] (1870–1953)

Russischer Schriftsteller und Lyriker. Als erster russischer Literat erhielt er 1933 den Nobelpreis für Literatur.

Hundertacht · 1911 · aus: Gespräch in der Nacht. Erzählungen 1911 · übersetzt von Dorothea Trottenberg, herausgegeben von Thomas Grob · Dörlemann Verlag 2013; Fischer Taschenbuch 2016

Ein junger Lehrer durchstreift vor seiner Abreise ein russisches Dorf. Die sommerliche Landschaft erscheint ihm in ihrer ganzen sinnlichen Fülle: Licht, Schatten, Gerüche und die Spuren verfallender Gebäude. Zugleich begegnet er der Armut und Härte des bäuerlichen Alltags. Sein Weg führt zu Taganok, einem Mann von hundertacht Jahren, dessen ungewöhnlich langes Leben ihm rätselhaft erscheint.

Der Lehrer hofft, in den Erinnerungen des Greises etwas über die verflossene Zeit zu erfahren. Doch zunächst erfährt er von dessen entwürdigenden Lebensumständen. So stehen die Schönheit der wahrgenommenen Welt und die Vergänglichkeit menschlicher Existenz unvermittelt nebeneinander. Bereits der Anfang der Erzählung stellt die Frage, ob ein langes Leben allein schon Erfahrung bedeutet – und was von einem gelebten Jahrhundert bleibt.

Wahlverwandtschaften

Zeit und Erinnerung

Japanische Überlieferung

Marion KalterDie Bilder der Erinnerung

Marion Kalter (* 1951)

Photographin und Künstlerin. In inszenierten Selbstporträts beschäftigt sie sich mit persönlicher Erinnerung, familiärer Geschichte und photographischer Zeit.

Herstory · seit den 1970er Jahren entstandene photographische Selbstporträts und spätere Rekonstruktionen · redaktioneller deutscher Titel

Marion Kalter arbeitet in ihrer Serie Herstory mit dem Selbstporträt, ohne es auf die Wiedergabe ihres gegenwärtigen Aussehens zu beschränken. Sie kehrt zu Räumen und Gegenständen ihrer Kindheit zurück und inszeniert sich in Konstellationen, in denen eigene Erinnerung und die Geschichte ihrer Mutter ineinandergreifen.

Das photographische Bild wird so zum Ort einer erneuten Begegnung mit Vergangenem. Kalter zeichnet nicht einfach auf, was einmal gewesen ist: Sie stellt Situationen nach, verändert die Beziehungen zwischen Person, Raum und Erinnerung und gibt dem Abwesenden eine gegenwärtige Gestalt. Dabei bleiben dokumentarische Spuren und erfundene autobiographische Bilder nebeneinander bestehen.

Die Serie fragt damit auch, wer im Selbstporträt eigentlich erscheint. Eine Aufnahme kann die eigene Person zeigen und zugleich die Nähe zu einem anderen Menschen suchen.

Ninon de Lenclos Erinnerung und Zuneigung

Ninon de Lenclos (1620–1705)

Französische Salonnière und Briefschreiberin des 17. Jahrhunderts. Bekannt für ihre geistige Unabhängigkeit und ihre Beziehungen zu Schriftstellern und Denkern.

Brief an Charles de Saint-Évremond · 1697 · in: Œuvres mêlées de Saint-Évremond, herausgegeben von Charles Giraud, Band III, Paris 1865, S. 390–391 · redaktioneller Titel

Aus der Ferne antwortet Ninon de Lenclos ihrem Freund Charles de Saint-Évremond, der den Wert ihrer Seele über den ihres Körpers gestellt hat. Sie nimmt diese Unterscheidung mit leiser Ironie auf: Der Körper habe im Alter seine frühere Bedeutung verloren, während die Seele noch empfänglich bleibe für die Erinnerung an einen Freund, dessen Bild die Abwesenheit nicht ausgelöscht hat.

Vergangene Begegnungen leben im Erzählen weiter. Wenn sie von den gemeinsamen Bekannten spricht, werden Namen und Ereignisse einer früheren Zeit gegenwärtig. Spielerische Bemerkungen über Dichtung, Schönheit und das Verhältnis zwischen Alten und Modernen lassen erkennen, daß die Erinnerung für sie kein bloßer Rückblick ist.

Am Ende läßt Ninon den Ton der gelehrten Unterhaltung hinter sich. Ihre Zuneigung gehe weiter, als es die Philosophie erlaube. Aus dem Frieden zwischen den Ländern erwächst ihr die Hoffnung, den Freund wiederzusehen.

Girolamo Cardano Der Gedanke, meinen Namen zu verewigen

Girolamo Cardano (1501–1576)

Italienischer Arzt, Mathematiker und Gelehrter der Renaissance. In seiner Autobiographie reflektierte er Ruhm, Selbstzweifel und die Grenzen menschlicher Erkenntnis.

De propria vita liber (Eigene Lebensbeschreibung), 9. Kapitel · verfaßt 1575–1576, erstmals veröffentlicht 1643 · deutsche Übersetzung von Hermann Hefele, Eugen Diederichs, Jena 1914

In seiner Lebensbeschreibung erinnert Cardano sich an den frühen Wunsch, den eigenen Namen über seinen Tod hinaus zu bewahren. Er unterscheidet ein körperliches Leben, das der Mensch mit Tieren und Pflanzen teilt, von einem zweiten, das im Streben nach Arbeit und Ruhm besteht. Für dieses höhere Leben, so seine Klage, schienen ihm gerade die Voraussetzungen zu fehlen: Gesundheit, Mittel, Ansehen und Begabung.

Doch Cardano betrachtet den Ruhm nicht als sichere Überwindung der Vergänglichkeit. Auch bedeutende Namen und Werke können dem Vergessen anheimfallen; zudem stellt sich die Frage, welchen Wert der Nachruhm angesichts der Unsterblichkeit der Seele überhaupt besäße. Trotz solcher Zweifel läßt ihn der Wunsch nach einem bleibenden Namen nicht los. Aus der Spannung zwischen der Einsicht in die Nichtigkeit des Ruhms und dem Verlangen nach ihm entsteht ein ungewöhnlich offenes Selbstporträt.

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Werk und Nachruhm

Edward de Vere

Johann Jakob BodmerDie poetischen Gemälde

Johann Jakob Bodmer (1698–1783)

Schweizer Literaturkritiker, Dichter und Übersetzer. Er setzte sich für die Einbildungskraft und die Eigenständigkeit poetischer Bilder ein.

Johann Jacob Bodmers critische Betrachtungen über die poetischen Gemählde der Dichter · Zürich und Leipzig 1741 · mit einer Vorrede von Johann Jakob Breitinger · besonders: erster und zweiter Abschnitt · deutscher Beitragstitel redaktionell

Bodmer fragt, wie die Dichtung Bilder hervorbringt, obwohl sie nicht über Linien und Farben verfügt. Ihre Mittel sind die Wörter, die im Leser Vorstellungen wecken und die Einbildungskraft in Bewegung setzen. Das poetische Gemälde ist deshalb nicht einfach die sprachliche Beschreibung eines vorhandenen Bildes.

Die Phantasie des Dichters schöpft aus der Erfahrung und bringt das Wahrgenommene in neue Beziehungen. Auswahl, Anordnung und Ausdruck bestimmen, was vor dem inneren Auge erscheint. Bodmer untersucht dabei die Verwandtschaft mit der Malerei, ohne die Verschiedenheit ihrer Mittel aufzuheben.

Seine Betrachtungen führen zu einer Frage, die über den Vergleich der Künste hinausgeht: Auf welche Weise kann ein Werk etwas gegenwärtig machen, das zunächst nur in Worten besteht? Das Bild erscheint hier als eine Leistung der Vorstellungskraft, an der der Leser selbst beteiligt ist.

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Bild und Wirklichkeit

Pieter Bruegel der Ältere

Adele SchopenhauerZarte Schattengebilde

Adele Schopenhauer (1797–1849)

Deutsche Künstlerin und Schriftstellerin. Ihre Scherenschnitte, Arabesken und Aquarelle verbinden bildnerische Erfindung mit literarischen Motiven.

Scherenschnitt des Buchstabens A · 1819 · aus dem Räthsel-Alphabet, erschienen in Becker’s Taschenbuch zum geselligen Vergnügen für 1820 · Goethe- und Schiller-Archiv Weimar, GSA 21/308 Bl. 74r. · Redaktioneller Beitragstitel · Bildbetrachtung

Adele Schopenhauer beschränkte sich nicht auf die Kunst des Scherenschnitts. Sie schuf Aquarelle, Arabesken, Miniaturen und bildnerische Ausschmückungen von Gedichten und Kompositionen. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Zeichnung, Malerei, Ornament und erzählendem Bild. Nach dem Tod ihrer Mutter 1838 ließ sie sich eigens zur Arabeskenmalerin ausbilden. Dabei konnte ein Randdekor ebenso zum Träger einer Vorstellung werden wie eine kleine figürliche Szene.

Ihre Scherenschnitte zeigen diese Erfindungskraft in besonders konzentrierter Form. Aus Papierflächen und ausgesparten Zwischenräumen gestaltet sie Figuren, Pflanzen, bewegte Szenen und phantastische Gebilde. Die Beschränkung auf den Umriß bedeutet dabei keine Beschränkung der Bildidee: Silhouette, Ornament und Erzählung gehen ineinander über. Mitunter stehen die Arbeiten in unmittelbarer Beziehung zu Gedichten und Märchen; auch Goethe beteiligte sich an der Konzeption eines Scherenschnitts zu seinem „Hochzeitlied“.

Ein Beispiel ist der Scherenschnitt des Buchstabens A von 1819. Adele Schopenhauer verwandelt das Schriftzeichen in eine kleine Bildwelt, in der die Gestalt des Buchstabens und eine spielerische Szene zugleich sichtbar werden. Das Räthsel-Alphabet verbindet damit Schreiben, Sehen und bildnerisches Erfinden. Nach Angaben der Klassik Stiftung Weimar ist das Blatt das einzige erhaltene ausgeschnittene Original dieser Buchstabenfolge.

Schopenhauers Vielseitigkeit liegt nicht allein in der Beherrschung verschiedener Techniken. Ihr Werk zeigt, wie sich eine Vorstellung je nach Material und Form anders entfalten kann: als farbiges Aquarell, als ornamentale Arabeske oder als Scherenschnitt, der mit wenigen Umrissen eine eigene Welt eröffnet.

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Johann Jakob Bodmer

Edward de VereVom Fortleben eines Werkes

Edward de Vere, 17. Earl of Oxford (1550–1604)

Englischer Adliger, Dichter und Förderer literarischer Werke. Er verfaßte eigene Dichtungen und unterstützte die Veröffentlichung literarischer Arbeiten.

Vorwortbrief an Thomas Bedingfield · in: Cardanus Comforte, englische Übersetzung von Girolamo Cardanos De consolatione · London 1573 · redaktioneller deutscher Beitragstitel

1573 veranlaßt Edward de Vere die Veröffentlichung von Thomas Bedingfields englischer Übersetzung einer Schrift Girolamo Cardanos. In einem vorangestellten Brief erklärt er, warum er sich über den Wunsch des Übersetzers hinwegsetzt, das Manuskript zurückzuhalten. Das Wissen soll nicht verschlossen bleiben: Es könne Leidende trösten, Zweifelnde bestärken und andere Menschen zu einer eigenen geistigen Bewegung ermutigen.

De Vere erläutert seinen Gedanken in einer Folge sinnlicher Bilder. Was nützt das Gold, das ungenutzt im Beutel liegt? Was ein Baum, der keine Früchte trägt, ein Weinstock ohne Trauben oder eine Rose, deren Duft niemand wahrnimmt? Die Arbeit des Geistes soll nicht allein demjenigen gehören, der sie vollbracht hat. Erst indem andere an ihr teilhaben, kann sie ihre Wirkung entfalten.

Schließlich vergleicht de Vere das veröffentlichte Buch mit einem Denkmal. Es bewahrt die Erinnerung an seinen Verfasser über dessen Tod hinaus; Bedingfield aber soll das Fortleben seines Werkes bereits zu Lebzeiten erfahren. So verbindet der Brief die Frage nach dem Wert geistiger Arbeit mit einer anderen: Was wird aus einem Werk, wenn es seinen Urheber verläßt und im Leben anderer Menschen gegenwärtig wird?

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Werk und Nachruhm

Girolamo Cardano

Stefan Zweig Der Kampf mit dem Dämon

Stefan Zweig (1881–1942)

Österreichischer Schriftsteller und Biograph. Seine literarischen Porträts erkunden schöpferische Kräfte und die Spannungen außergewöhnlicher Lebenswege.

Vorwort zu Der Kampf mit dem Dämon. Hölderlin – Kleist – Nietzsche · Insel-Verlag, Leipzig 1925

Stefan Zweig betrachtet das Dämonische als eine ursprüngliche Unruhe, die den Menschen über die Grenzen seiner gewöhnlichen Existenz hinaustreibt. Im schöpferischen Menschen kann diese Kraft zum Ursprung großer Werke werden; wo sie den eigenen Willen überwältigt, gefährdet sie zugleich das Leben.

An Hölderlin, Kleist und Nietzsche beschreibt Zweig Künstler, die sich dieser maßlosen Bewegung hingeben. Goethe stellt er ihnen als Gegenfigur gegenüber: Auch er kennt nach Zweigs Deutung die dämonische Kraft, vermag sie jedoch zu bändigen und in dauerhafte künstlerische Form zu verwandeln.

Bereits im Vorwort erläutert Zweig zudem seine Methode des Vergleichs. Er rückt geistige Gestalten nebeneinander, damit ihre verborgenen Gemeinsamkeiten und Unterschiede sichtbar werden.

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Klaus Kinski Klaus Kinski & The Thing

Klaus Kinski (1926–1991) im Gespräch mit Marcelle Clements

Deutscher Schauspieler, bekannt für seine intensive Darstellung widersprüchlicher Figuren. Seine Arbeit war häufig von radikaler körperlicher und seelischer Präsenz geprägt.

Klaus Kinski & The Thing · Porträt und Gespräch von Marcelle Clements · Playboy, amerikanische Ausgabe, November 1985 · englischer Originaltext

Marcelle Clements begegnet Klaus Kinski auf der Suche nach einer Kraft, die er selbst nicht benennen kann. Er spricht von einem inneren Geschehen, das sich dem Willen entzieht und sein Leben wie seine Arbeit bestimmt. Schauspiel bedeutet für ihn nicht, eine Figur nachzuahmen, sondern sich so weit in ein anderes Wesen hineinzuversetzen, daß die Unterscheidung zwischen Darsteller und Rolle aufgehoben scheint.

Kinski beschreibt diese Fähigkeit als eine Form äußerster Empfänglichkeit. Sie ermöglicht schöpferische Verwandlung, ist für ihn aber untrennbar mit Schmerz und Unruhe verbunden. Was ihn zur Gestaltung drängt, kann er weder abstellen noch beherrschen.

Das Porträt verbindet seine Aussagen mit Beobachtungen seines zurückgezogenen Alltags und seiner heftigen Reaktionen. Zwischen dem Anspruch unmittelbaren Erlebens und der demonstrativen Selbstinszenierung entsteht das Bild eines Künstlers, der im Schauspiel nicht bloß einen Beruf, sondern eine unausweichliche Existenzform sieht.

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Stefan ZweigBruno Ganz

Ronald Steckel Der Mensch ist ein Doppelagent

Ronald Steckel (1945–2024) im Gespräch mit Marcelle De Michiel

Deutscher Hörspielautor, Regisseur und Klangkünstler. Er beschäftigte sich mit innerer Wahrnehmung und dem geistigen Gehalt audiovisueller Formen.

„Der Mensch ist ein Doppelagent“ · Gespräch mit Marcelle De Michiel · 2017

Ronald Steckel beschreibt den Menschen als Wesen einer doppelten Natur: als körperliche Existenz, die sich wissenschaftlich untersuchen läßt, und als geistiges, seiner selbst bewußtes Wesen, dessen innere Wirklichkeit sich nicht vollständig auf das Meßbare zurückführen läßt. Im Gespräch über Jacob Böhme fragt er, was von dieser geistigen Dimension in einer von Reizen und Informationen beherrschten Gegenwart noch erfahren werden kann. Innere Erkenntnis entsteht für ihn nicht allein durch theoretisches Wissen, sondern durch Aufmerksamkeit, Stille und Erfahrung.

Auch das Filmemachen versteht Steckel als einen solchen Erkenntnisversuch. Für Morgenröte im Aufgang – Hommage à Jacob Böhme suchte er mit seinen Mitstreitern nicht nach einer historischen Darstellung des Mystikers, sondern nach einer Form, in der dessen Sprache und Denken gegenwärtig werden können. Die filmischen Mittel wurden dabei bewußt zurückgenommen, um einen Raum der Wahrnehmung zu eröffnen.

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Jacob BöhmeFred Kelemen

Bruno Ganz Wie wird man unruhig?

Bruno Ganz (1941–2019)

Schweizer Schauspieler. Er arbeitete auf bedeutenden europäischen Bühnen und in Filmen, etwa Der amerikanische Freund und Der Himmel über Berlin.

Gespräch mit Dominik Gross und Adrian Riklin · WOZ – Die Wochenzeitung, Nr. 6, 10. Februar 2011

Bruno Ganz spricht über das Verhältnis von Wahrnehmung und Wahrheit. Da jeder Mensch die Welt aus seiner eigenen Perspektive erlebt, hält er Objektivität für unerreichbar. Dennoch besteht für ihn die Vorstellung einer Wahrheit, an der sich menschliches Handeln und künstlerische Darstellung messen lassen.

Im Schauspiel erkennt Ganz Wahrhaftigkeit nicht an äußerer Überzeugungskraft, sondern daran, wie weit ein Darsteller in seine Rolle und ihren Gegenstand eingedrungen ist. Er beschreibt die Unterschiede zwischen Theater und Film: hier das gemeinsame, über Wochen entstehende Spiel, dort die von Drehplan und technischen Abläufen bestimmte Arbeit.

Rückblickend auf die Berliner Schaubühne spricht er auch über den Aufbruch einer jüngeren Generation. Trotz ihres politischen Engagements blieb für ihn die künstlerische Qualität entscheidend. Jede Generation, so seine Überzeugung, müsse eine eigene Ausdrucksform finden dürfen.

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Klaus KinskiAkira KurosawaAngela Winkler

Angela WinklerMein blaues Zimmer

Angela Winkler (* 1944)

Deutsche Theater- und Filmschauspielerin und Sängerin. Bekannt durch Die verlorene Ehre der Katharina Blum und Die Blechtrommel sowie ihre langjährige Theaterarbeit.

Mein blaues Zimmer. Autobiographische Skizzen · mit Brigitte Landes · Kiepenheuer & Witsch, 2019 · ergänzende Hörbuchfassung, gelesen von Angela Winkler, 2025 · Originaltitel

In ihren autobiographischen Skizzen erzählt Angela Winkler von einem Leben zwischen Theater, Film, Familie und der Suche nach einem eigenen Ort. Sie erinnert sich an ihre Anfänge als Schauspielerin, an Begegnungen mit Regisseuren und Kollegen, aber ebenso an das Leben mit ihren Kindern, an Häuser, Gärten und Landschaften in Frankreich und Italien.

Gemeinsam mit der Dramaturgin und Autorin Brigitte Landes hat Winkler ihre Erinnerungen zu autobiographischen Skizzen geformt. Sie folgen keiner durchgehenden Lebensgeschichte. Einzelne Erfahrungen treten hervor und verbinden sich zu einem persönlichen Bild, in dem künstlerische Arbeit und gelebter Alltag untrennbar bleiben.

2025 hat Winkler die Skizzen selbst als Hörbuch eingesprochen. Dabei unterbricht sie den Text, kommentiert, ergänzt und nimmt Gedanken wieder auf. Aus der geschriebenen Erinnerung entsteht eine neue, gegenwärtige Erzählung.

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Zeit und Erinnerung

Marion Kalter

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Bruno GanzPeter Handke

Hildegard Knef Ich brauch’ Tapetenwechsel

Hildegard Knef (1925–2002)

Deutsche Schauspielerin, Sängerin und Autorin. Ihre Chansons verbinden sprachliche Zuspitzung, Ironie und melancholische Beobachtung.

Ich brauch’ Tapetenwechsel · Chansontext von Hildegard Knef · Musik: Hans Hammerschmid · Erstveröffentlichung auf der LP Knef, Februar 1970 · Originaltitel

Eine Birke beschließt, ihren vertrauten Hain zu verlassen. Sie sehnt sich nach Abwechslung, nach Bewegung und einer Welt jenseits des immergleichen Anblicks. Knef macht aus einem Baum eine Reisende und eröffnet damit eine ebenso leichte wie widersprüchliche kleine Erzählung.

Auf ihrem Weg begegnet die Birke den Gefahren einer Welt, für die sie nicht geschaffen scheint: Verkehr, fremden Bäumen und der Zurückweisung durch andere. Die Verse verbinden alltägliche Redewendungen mit überraschenden Bildern aus dem Leben eines Baumes. Aus dem Wunsch nach Freiheit wird allmählich eine Erfahrung der Fremdheit.

Die Geschichte endet mit einer bitteren Umkehrung: Als Möbelstück erinnert sich die Birke an den Ort, dem sie entkommen wollte. Der komische Einfall bewahrt dabei seinen Ernst.

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Pierre Reverdy

Friedrich Schiller Der Spieltrieb und die lebende Gestalt

Friedrich Schiller (1759–1805)

Deutscher Dichter, Dramatiker und Philosoph. Er untersuchte die Beziehung zwischen Schönheit, Freiheit und der Bildung des Menschen.

Über die ästhetische Erziehung des Menschen, 15. Brief · 1795

Schiller unterscheidet zwischen dem sinnlichen Trieb, der den Menschen an die wechselnde Erfahrung bindet, und dem Formtrieb, der auf Ordnung und Beständigkeit gerichtet ist. Keiner von beiden genügt allein, um die menschliche Natur zu erfüllen.

Im Spieltrieb sollen beide miteinander wirken. Sein Gegenstand ist die „lebende Gestalt“: Schönheit, in der Leben nicht gestaltlos bleibt und Gestalt nicht zur leeren Abstraktion wird. Das ästhetische Spiel meint daher nicht bloßen Zeitvertreib. Es bezeichnet einen Zustand, in dem sinnliche Empfänglichkeit und geistige Selbstbestimmung zusammenkommen, ohne daß eine die andere beherrscht. In dieser Freiheit erkennt Schiller eine Möglichkeit menschlicher Ganzheit.

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Johann Wolfgang von GoetheJoseph Beuys

Gotthold Ephraim Lessing Raum und Zeit der Künste

Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781)

Deutscher Schriftsteller, Kritiker und Dramatiker der Aufklärung. Seine Schriften bestimmten die Diskussion über die Eigenart der Künste.

Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie, Kapitel XVI · 1766 · Redaktioneller Titel

Lessing leitet die Verschiedenheit von Malerei und Poesie aus den Mitteln ihrer Darstellung ab. Die bildende Kunst ordnet Figuren und Farben im Raum, die Dichtung entfaltet Sprache in der Zeit. Entsprechend sind Körper und sichtbare Eigenschaften die eigentlichen Gegenstände der Malerei, Handlungen die der Poesie.

Diese Unterscheidung bedeutet jedoch keine vollständige Trennung: Ein Bild kann eine Handlung in einem einzigen, bedeutungsvollen Augenblick andeuten. Ein Gedicht vermag Körper anschaulich zu machen, indem es sie in Bewegungen und Vorgängen zeigt. Am Beispiel Homers erläutert Lessing, daß Dinge in der Dichtung nicht durch die bloße Aufzählung ihrer Teile lebendig werden, sondern durch ihr Entstehen, ihren Gebrauch und ihre Geschichte.

Für Lessing verlangt jede Kunst eine ihren Mitteln entsprechende Form. Nicht die Nachahmung einer anderen Kunst entscheidet über ihre Wirkung, sondern die besondere Weise, in der sie das Sichtbare oder das zeitlich Geschehende zur Anschauung bringt.

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Albrecht DürerDie Kunst in der Natur

Albrecht Dürer (1471–1528)

Nürnberger Maler, Zeichner, Kupferstecher und Kunsttheoretiker. Neben Gemälden und Druckgraphiken schuf er Naturstudien und veröffentlichte Schriften über Geometrie und Perspektive. Seine Proportionslehre erschien erst nach seinem Tod.

Vier Bücher von menschlicher Proportion · Nürnberg 1528, postum erschienen · Drittes Buch, sogenannter ästhetischer Exkurs, besonders Blatt T3 recto/verso · „Die Kunst in der Natur“: redaktioneller Titel

Dürer fordert den Künstler auf, sich an die lebendige Natur zu halten, statt aus bloßem Gutdünken eine vermeintlich bessere Gestalt zu erfinden. Die Natur soll aufmerksam betrachtet werden, weil sich an ihr erkennen läßt, wie Formen zusammenhängen. Das Vorbild ist nicht eine überlieferte Kunstregel, sondern das Leben selbst.

Sein Satz, die Kunst stecke in der Natur und müsse aus ihr herausgerissen werden, beschreibt jedoch mehr als die getreue Wiedergabe des Sichtbaren. Der Künstler muß Beziehungen und Gesetzmäßigkeiten entdecken. Dazu dienen ihm Zeichnung, Vergleich und Geometrie. Sie machen etwas nachvollziehbar, das der Blick zunächst nur in seiner Erscheinung wahrnimmt.

In seinen Untersuchungen der menschlichen Proportionen stößt Dürer zugleich auf die Verschiedenheit der Körper. Maße können helfen, eine Figur zu gestalten; sie liefern aber keine einzige, für alle Menschen gültige Formel der Schönheit. Nicht alles, was am Kunstwerk überzeugt, läßt sich rechnerisch beweisen. Neben die Meßbarkeit tritt das Urteil, das durch Erfahrung gebildet wird.

Darin liegt eine Spannung, die Dürer nicht auflöst: Das Kunstwerk geht aus der Beobachtung der Natur hervor und verlangt doch eine eigene formende Tätigkeit. Die Natur ist für ihn als Schöpfung Gottes ein Maßstab, den menschliche Willkür nicht überbieten kann. Kunst wird zur Arbeit an dem, was im Sichtbaren noch nicht als Gestalt erkannt worden ist.

Johann Wolfgang von Goethe Vom Nachahmen zum Stil

Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

Deutscher Dichter und Naturforscher. Sein Werk verbindet literarische Gestaltung, Naturbeobachtung und Überlegungen zum Verhältnis von Kunst und Erkenntnis.

Einfache Nachahmung der Natur, Manier, Styl · Erstdruck in Der Teutsche Merkur, Februar 1789, S. 113–120 · redaktioneller deutscher Titel

Goethe unterscheidet drei Weisen künstlerischer Gestaltung. Die einfache Nachahmung richtet sich auf die genaue Beobachtung der Natur und die treue Wiedergabe ihrer Erscheinungen. In der Manier entwickelt der Künstler eine eigene Sprache: Er wählt aus, vereinfacht und gestaltet das Wahrgenommene seiner persönlichen Anschauung gemäß.

Über beide Verfahren hinaus führt für Goethe der Stil. Er entsteht aus einer vertieften Erkenntnis der Gegenstände, ihrer Eigenschaften und inneren Zusammenhänge. Das Kunstwerk soll nicht nur wiedergeben, wie die Dinge erscheinen, sondern etwas von ihrem Wesen sichtbar machen.

Diese drei Weisen sind keine starr voneinander getrennten Kategorien. Sie können ineinander übergehen. Entscheidend ist, daß die künstlerische Freiheit nicht den Bezug zur Natur verliert, sondern durch Erkenntnis eine umfassendere Gestalt gewinnt.

Francisco de Goya Keine Regeln für die Malerei

Francisco José de Goya y Lucientes (1746–1828)

Spanischer Maler und Graphiker. Seine Werke reichen von höfischen Bildnissen bis zu erschütternden Darstellungen von Gewalt und menschlicher Verblendung.

Bericht über den Unterricht in den Künsten (Informe sobre la enseñanza de las artes) · an die Real Academia de Bellas Artes de San Fernando, Madrid, 14. Oktober 1792 · redaktioneller deutscher Titel

Im Oktober 1792 antwortet Goya auf eine Anfrage der Madrider Kunstakademie zur Verbesserung des Unterrichts. Er widerspricht der Vorstellung, Malerei lasse sich durch einheitliche Regeln und die mechanische Nachahmung anerkannter Vorbilder erlernen. Die Akademie soll den Begabungen helfen, ohne ihnen einen Stil vorzuschreiben. Selbst Kenntnisse der Geometrie und Perspektive seien nicht nach einem starren Zeitplan zu vermitteln, sondern dann, wenn die Arbeit am Zeichnen sie verlangt.

Als Vorbild nennt Goya Annibale Carracci, der seine Schüler nicht auf die eigene Manier verpflichtete. Den Vorrang antiker Statuen vor der lebendigen Natur weist er zurück: Auch die bewunderten Kunstwerke sind aus der Betrachtung der Natur hervorgegangen, deren Vielfalt sich niemals ausschöpfen läßt.

Die Freiheit des künstlerischen Schaffens bedeutet für Goya keine Geringschätzung des Studiums. Gerade die gründliche Beschäftigung mit der Natur soll dem Einzelnen ermöglichen, seinen eigenen Weg zu finden. Das Können wächst nicht durch die Unterwerfung unter eine Methode, sondern durch Übung, Wahrnehmung und die Entfaltung einer besonderen Anlage.

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Jacob van Ruisdael Die Mühle und der Himmel

Jacob Isaacksz van Ruisdael (um 1628/29–1682)

Niederländischer Landschaftsmaler des 17. Jahrhunderts. Seine Bilder verleihen Himmel, Wolken und Wasser eine eigenständige dramatische Gegenwart.

De molen bij Wijk bij Duurstede · um 1668–1670 · Öl auf Leinwand, 83 × 101 cm · Rijksmuseum, Amsterdam, Inv.-Nr. SK-C-211 · Bildbetrachtung, kein überlieferter Autorentext · redaktioneller deutscher Titel

Ruisdael zeigt eine Windmühle am Ufer des Flusses Lek. Über der flachen Landschaft erhebt sich ein mächtiger, von dunklen Regenwolken durchzogener Himmel. Die Mühle überragt die entfernten Gebäude einer Burg und einer Kirche; die wenigen Menschen am Ufer erscheinen klein. Das Bild führt den Blick von der weiten Wasserfläche zur Mühle und von dort hinauf in die Wolken.

Die dargestellte Landschaft ist erkennbar niederländisch, doch ihre Wirkung entsteht nicht allein aus der Wiedergabe eines bestimmten Ortes. Ruisdael ordnet Wasser, Land, Architektur und Wolken zu einer Komposition, in der die Mühle zum beherrschenden Mittelpunkt wird. Die Verhältnisse der Gegenstände gewinnen durch die malerische Gestaltung ein neues Gewicht.

Besonders das Verhältnis zwischen dem festen Bauwerk und dem bewegten Himmel verleiht dem Bild seine Spannung. Licht und Schatten verbinden die Einzelheiten, während sich in der Weite des Himmels eine andere Größenordnung eröffnet. Aus einer alltäglichen Landschaft entsteht ein Bild, in dem Natur und menschliches Werk in ein neues Verhältnis treten.

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Caspar David FriedrichPaul Cézanne

Bild und Wirklichkeit

Herman van SwaneveltLord ByronAdolf Miethe

Lord Byron Das Ende des Lichts

George Gordon Byron (1788–1824)

Britischer Dichter der Romantik, auch als Lord Byron bekannt. Seine Werke verbinden Freiheitsdrang, Melancholie und den Blick auf menschliche Grenzerfahrungen.

Darkness · 1816 · Gedicht · redaktioneller deutscher Titel

In seinem Gedicht Darkness (1816) entwirft Lord Byron eine Welt, in der die Sonne erloschen ist. Die Menschen verbrennen ihre Häuser, um einander noch einmal sehen zu können. Mit dem Licht verschwinden allmählich die Ordnung der Natur, die menschlichen Bindungen und schließlich alles Leben. Am Ende bleibt die Finsternis als einzige Wirklichkeit.

Byrons apokalyptische Vision ist zugleich eine Untersuchung der menschlichen Wahrnehmung: Was bleibt von der Welt, wenn das Licht erlischt, durch das sie uns erscheint?

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Marguerite DurasBéla Tarr

Herman van SwaneveltDie Einsamkeit des Lichts

Herman van Swanevelt (1603/04–1655)

Niederländischer Landschaftsmaler, der lange in Italien arbeitete. Seine Bilder sind von der Beobachtung mediterraner Landschaften und ihres Lichts geprägt.

Italienische Landschaft · 1643 · Öl auf Leinwand · 56 × 69 cm · Rijksmuseum Amsterdam, SK-A-2497 · Bildbetrachtung, kein überlieferter Autorentext · redaktioneller deutscher Titel

Herman van Swanevelt gehörte zu den niederländischen Landschaftsmalern, die in Italien eine eigene Form der Naturdarstellung entwickelten. Seine langen, oft einsamen Streifzüge durch die Umgebung Roms brachten ihm den Beinamen „Il Heremita“ ein. Die Landschaft war für ihn nicht nur eine malerische Kulisse, sondern ein Ort geduldiger Anschauung.

In der Italienischen Landschaft von 1643 verbinden sich Bäume, Felsen, Wege und die Weite des Himmels durch ein warmes Licht. Die kleinen menschlichen Gestalten bestimmen das Geschehen nicht; sie gehören zur Landschaft, deren Stille sich über sie hinaus erstreckt. Die Bildtiefe erwächst aus den Übergängen von Schatten und Helligkeit und aus der Ruhe der Komposition.

Seine Malerei läßt die Einsamkeit nicht als Absonderung erscheinen. Im Verweilen vor der Natur entsteht vielmehr eine Nähe zu ihr. Das Licht ist keine bloße Zutat der Darstellung: Es macht den Raum erfahrbar und gibt dem einzelnen Augenblick eine eigene Dauer.

Johann Peter Eckermann berichtet zudem, wie Goethe am 21. Dezember 1831 Landschaftsdarstellungen Swanevelts betrachtete. Goethe widersprach der abwertenden Gegenüberstellung mit Claude Lorrain und bestand auf der Eigenart des Malers. Diese Überlieferung ergänzt die unmittelbare Bildbetrachtung durch eine historische Stimme.

Caspar David Friedrich Das innere Bild

Caspar David Friedrich (1774–1840)

Deutscher Maler der Romantik. Seine Landschaften verbinden äußere Naturerscheinung mit innerer Betrachtung, Einsamkeit und dem Gedanken des Unendlichen.

Äußerungen bei Betrachtung einer Sammlung von Gemählden von größtentheils noch lebenden und unlängst verstorbenen Künstlern · um 1830 · ausgewählte Originalpassagen, nach der Edition von Gerhard Eimer, Frankfurt am Main 1999 · redaktioneller deutscher Titel

Friedrich begreift die Kunst als Mittlerin zwischen der Natur und dem Menschen. Das Urbild der Natur erscheint ihm zu gewaltig, um unmittelbar erfaßt zu werden. Im künstlerischen Abbild kann es dem Betrachter in einer menschlich gestalteten Form begegnen. Die Malerei ist deshalb mehr als die möglichst genaue Wiedergabe des Sichtbaren.

Der Ursprung eines Bildes liegt für Friedrich in der inneren Empfindung. Der Künstler soll mit dem geistigen Auge sehen, bevor er das Geschaute sichtbar macht. Äußere Regeln und bloße technische Geschicklichkeit können diese Erfahrung nicht ersetzen. Auch das Erfinden und Zusammenfügen einzelner Bildmotive bleibt für ihn unzureichend, wenn keine eigene Anschauung das Werk trägt.

Ein Bild soll die Natur nicht vortäuschen, sondern an sie erinnern und der Vorstellungskraft Raum lassen. In dieser Unterscheidung von Nachahmung und Gestaltung verbindet Friedrich die sichtbare Erscheinung mit einer geistigen Wirklichkeit, die erst durch die Arbeit des Künstlers anschaulich werden kann.

Jean-Baptiste Camille Corot Die erste Empfindung bewahren

Jean-Baptiste Camille Corot (1796–1875)

Französischer Landschaftsmaler. Seine Naturstudien und Gemälde verbinden genaue Beobachtung mit einer besonderen Aufmerksamkeit für Licht und Tonwerte.

Réflexions sur la peinture · undatierte handschriftliche Aufzeichnungen aus einem Skizzenbuch · Musée du Louvre, Département des Arts graphiques, Inv. RF 8732, 3, Folio 3 · redaktioneller deutscher Titel

Corot stellt an den Anfang der Malerei die genaue Wahrnehmung von Form und Tonwerten. Ihre Verhältnisse geben einem Bild Halt; Farbe und Ausführung verleihen ihm erst im weiteren Verlauf seinen besonderen Reiz. Die Tonwerte, also die Abstufungen zwischen Licht und Schatten, sind für ihn deshalb nicht bloß technische Einzelheiten. Sie bestimmen, wie die Formen zusammenwirken und das Ganze sichtbar wird.

Für den Aufbau eines Bildes empfiehlt Corot, mit den kräftigsten Werten zu beginnen und sich in geordneter Folge den helleren zuzuwenden. Diese Arbeitsweise soll dem Maler Orientierung geben, nicht aber seine Freiheit einschränken. Trotz aller Sorgfalt für das Einzelne muß der erste Eindruck des Ganzen gegenwärtig bleiben.

Vor allem soll die Empfindung bewahrt werden, die der Anblick der Natur hervorgebracht hat. Die Wirklichkeit bildet für Corot nur einen Teil der Kunst; erst das eigene Gefühl vervollständigt sie.

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Paul CézanneFrancisco de Goya

Bild und Wirklichkeit

Herman van Swanevelt

Johann Wolfgang von GoetheDie Farben sind Taten des Lichts

Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832)

Deutscher Dichter und Naturforscher. Er untersuchte die Erscheinungen der Natur ebenso wie ihre Bedeutung für Wahrnehmung und künstlerische Gestaltung.

Zur Farbenlehre · 1810 · Vorwort und didaktischer Teil, besonders die physiologischen Farben und die sinnlich-sittliche Wirkung der Farbe · redaktioneller Beitragstitel

Goethe beginnt seine Farbenlehre mit einer Umkehrung der gewohnten Frage nach dem Wesen des Lichts. Statt eine fertige Erklärung vorauszusetzen, will er dessen Wirkungen beobachten. Die Farbe erscheint ihm nicht bloß als Eigenschaft eines Gegenstands, sondern als ein Vorgang, an dem Lichtverhältnisse und das wahrnehmende Auge beteiligt sind.

Er unterscheidet physiologische, physische und chemische Farben. Nachbilder, farbige Schatten und Veränderungen durch unterschiedliche Medien lassen erkennen, daß sich das Sehen nicht auf die Aufnahme äußerer Reize beschränken läßt. Das Auge antwortet auf Farben, bringt Gegenfarben hervor und sucht nach einem Ganzen. Goethe untersucht auch die seelische und künstlerische Wirkung einzelner Farben und ihrer Verbindungen.

Sein Widerspruch gegen Newtons Lehre führte zu physikalischen Erklärungen, die sich mit der heutigen Optik nicht decken. Doch seine beharrliche Aufmerksamkeit für das sichtbare Phänomen behält eine eigene Bedeutung: Farbe wird nicht nur gemessen, sondern erlebt. Die Farbenlehre fragt danach, wie die Welt durch das Sehen überhaupt zur Erscheinung kommt.

Paul Cézanne Die Tiefe der Natur

Paul Cézanne (1839–1906)

Französischer Maler. Seine beharrliche Arbeit an der Natur wurde zu einer wesentlichen Voraussetzung der modernen Malerei.

Brief an Émile Bernard · Aix-en-Provence, 15. April 1904 · redaktioneller Titel · Originalhandschrift (vier Seiten), Courtauld Gallery, London, Inv. MS.1932.SC.1.1

In einem Brief an den jüngeren Maler Émile Bernard faßt Cézanne seine Überlegungen zur Darstellung der Natur zusammen. Zylinder, Kugel und Kegel dienen ihm dazu, die Formen der Dinge im Raum zu erfassen. Das Sichtbare soll in seinen räumlichen Beziehungen gestaltet werden, ohne die Erfahrung der Natur durch eine bloße Konstruktion zu ersetzen.

Linien parallel zum Horizont geben dem Bild Ausdehnung, senkrecht dazu verlaufende Linien erschließen die Tiefe. Doch Perspektive allein genügt Cézanne nicht. Weil ihm die Natur mehr Tiefe als Oberfläche besitzt, hält er es für notwendig, den von Rot und Gelb bestimmten Lichtwirkungen genügend Blautöne hinzuzufügen, um die Luft fühlbar zu machen.

Die geometrischen Grundformen stehen hier im Dienst einer genaueren Wahrnehmung. Form und Farbe wirken zusammen, damit nicht nur die Gegenstände, sondern auch der Raum zwischen ihnen sichtbar wird.

Kasimir MalewitschDie Wirklichkeit des Gegenstandslosen

Казимир Северинович Малевич [Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch] (1879–1935)

In Kiew geborener Maler und Kunsttheoretiker. Er begründete den Suprematismus und wurde mit seinem Schwarzen Quadrat zu einer prägenden Gestalt der ungegenständlichen Malerei.

Suprematismus – Die gegenstandslose Welt · Schrift von 1922 und für das Buch ergänzte Teile · erschienen 1927 als Bauhausbücher, Band 11, München, Albert Langen · deutsche Textauswahl nach der Ausgabe von 1962 · redaktioneller Beitragstitel

Malewitsch wendet sich gegen die Vorstellung, daß der Wert eines Bildes von der Vollkommenheit abhänge, mit der es die sichtbare Welt nachahmt. Der Gegenstand kann für ihn gerade verdecken, was eine Malerei hervorbringt: eine eigene Wirklichkeit der Empfindung. Farbe und Fläche müssen nicht erst einen Baum, ein Haus oder einen Menschen darstellen, um künstlerische Bedeutung zu gewinnen.

Im Schwarzen Quadrat auf weißem Grund erkennt er die erste Gestalt einer gegenstandslosen Empfindung. Das Quadrat verweist nicht auf ein außerhalb des Bildes vorhandenes Ding. Seine Formen und das sie umgebende Feld stehen für eine neue Möglichkeit des Sehens, die ohne erzählte Handlung und ohne Abbild auskommt. Was vielen Betrachtern als Leere erschien, war für Malewitsch der Anfang einer anderen Malerei.

In seiner Schrift führt er diese Überlegung über die Malerei hinaus. Der Mensch ordne die Welt nach Nutzen, Zweck und vermeintlich festen Gegenständen; dabei verkenne er, wie sehr sein Bild der Wirklichkeit durch Vorstellungen und Gewohnheiten bestimmt sei. Die Natur und die künstlerische Erfahrung lassen sich für Malewitsch nicht auf solche Einteilungen reduzieren.

Seine Gegenstandslosigkeit bedeutet deshalb nicht das Verschwinden der Wirklichkeit. Sie bezeichnet den Versuch, das Bild von der Pflicht zur Darstellung zu befreien und die Wirkkräfte von Form, Farbe und Empfindung unmittelbar hervortreten zu lassen.

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Piero della Francesca Zeichnung, Maß und Farbe

Piero della Francesca (um 1416–1492)

Italienischer Maler und Mathematiker der Frührenaissance. Er untersuchte die Darstellung von Raum durch Perspektive, Maß und geometrische Ordnung.

De prospectiva pingendi (Über die Perspektive in der Malerei) · erstes Buch, Einleitung · entstanden im 15. Jahrhundert, vermutlich in den 1470er Jahren · redaktioneller deutscher Titel

Piero della Francesca unterscheidet zu Beginn seiner Abhandlung drei Bestandteile der Malerei: Zeichnung, Maßverhältnisse und Farbe. Die Zeichnung erfaßt die Umrisse der Dinge, die Maßbestimmung ordnet diese in ihren räumlichen Beziehungen, und die Farbgebung folgt den Abstufungen des Lichts. Seine Untersuchung beschränkt Piero ausdrücklich auf die Maßbestimmung, die er Perspektive nennt.

Er fragt, wie die sichtbare Gestalt eines Gegenstands auf einer ebenen Fläche wiedergegeben werden kann. Dafür betrachtet er das Auge, den Gegenstand, ihren Abstand und die Linien, die das Gesehene mit dem Standpunkt des Betrachters verbinden. Aus Punkten, Linien, Winkeln und Proportionen entwickelt er Schritt für Schritt geometrische Konstruktionen.

Die Perspektive erscheint hier nicht als bloßer Kunstgriff zur Erzeugung von Tiefe, sondern als ein Verfahren, räumliche Beziehungen genau zu erfassen und darzustellen. Zugleich bleibt sie für Piero ausdrücklich nur ein Teil der Malerei.

Francesco Petrarca Die Besteigung des Mont Ventoux

Francesco Petrarca (1304–1374)

Italienischer Dichter und Gelehrter des Frühhumanismus. Seine Briefe und Gedichte verbinden antike Bildung mit persönlicher Selbstbetrachtung.

De ascensu montis Ventosi · Epistolae familiares IV, 1 · Brief an Dionigi da Borgo San Sepolcro · datiert auf den 26. April 1336; die überlieferte Fassung entstand wahrscheinlich erst später

Petrarca schildert, wie er mit seinem jüngeren Bruder den Mont Ventoux besteigt. Nicht eine praktische Notwendigkeit führt ihn auf den Berg, sondern das Verlangen, die Höhe und den Blick von dort oben selbst zu erfahren. Schon beim Aufstieg wird die Wanderung zur Selbstbetrachtung: Während sein Bruder den steilen Weg nimmt, sucht Petrarca wiederholt bequemere Pfade und muß doch erkennen, daß die Umwege ihn nicht vor der Mühe bewahren.

Auf dem Gipfel öffnet sich die weite Landschaft. Petrarca blickt auf entfernte Gebirge und denkt an vergangene Jahre, an seine Wünsche und an den Wandel seines Lebens. Dann schlägt er ein mitgeführtes Buch auf, die Bekenntnisse des Augustinus. Der Satz, auf den sein Blick fällt, mahnt, über dem Staunen angesichts der äußeren Welt das eigene Innere nicht zu vergessen. Petrarca schließt das Buch und steigt schweigend ab.

So verwandelt sich die zunächst zweckfreie Betrachtung der Natur in eine Frage nach der Richtung des menschlichen Lebens. Der Brief hält den Widerspruch zwischen der Neugier auf die sichtbare Welt und dem Anspruch der inneren Einkehr offen. Ob die Besteigung genau so stattgefunden hat, wie Petrarca sie erzählt, ist umstritten; der Text ist zugleich sorgfältig gestaltete literarische Selbstdeutung.

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Bild und Wirklichkeit

Caspar David Friedrich

Weitere Nachbarschaften

Matsuo Bashō

Zhuangzi Der Koch

莊子 [Zhuāngzǐ] (ca. 365–290 v. Chr.)

Chinesischer Philosoph der daoistischen Überlieferung. Die ihm zugeschriebenen Texte erzählen in Gleichnissen von Wandlung, Freiheit und absichtslosem Handeln.

Aus: Zhuangzi (莊子), Buch III, Pflege des Lebensprinzips (養生主), Abschnitt 2 · deutsche Übersetzung von Richard Wilhelm: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland, Eugen Diederichs, Jena 1912, S. 23 · „Der Koch“ ist die Abschnittsüberschrift der deutschen Übersetzung.

Ein Koch zerlegt einen Ochsen mit solcher Leichtigkeit, daß die Bewegungen seines Messers dem Rhythmus eines Tanzes gleichen. Ein Fürst bewundert seine Geschicklichkeit. Doch der Koch erklärt, was ihn leite, sei mehr als technische Fertigkeit. Anfangs habe er nur das Tier vor sich gesehen. Mit der Erfahrung habe sich seine Wahrnehmung verwandelt: Nun folge seine Klinge den natürlichen Fugen und Zwischenräumen, statt mit Gewalt gegen Knochen und Sehnen zu arbeiten.

Darum bleibt das Messer trotz jahrelangen Gebrauchs scharf. Gerade an schwierigen Stellen aber hält der Koch inne, prüft den Widerstand und bewegt sich äußerst vorsichtig. Der Fürst erkennt in dieser Kunst eine Lehre für das Leben.

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Aufmerksamkeit und Muße

Sei ShōnagonSaigyōOscar BenlBéla Hamvas

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Heinrich von Kleist

Béla Hamvas Kirschen pflücken

Béla Hamvas (1897–1968)

Ungarischer Schriftsteller, Essayist und Denker. Seine Arbeiten verbinden Kulturkritik, geistige Traditionen und die Aufmerksamkeit gegenüber elementaren Lebenserfahrungen.

Cseresznyét szedni · aus Patmosz II, entstanden in den 1960er Jahren · ungarischer Originaltext · deutscher Titel redaktionell

Hamvas beschreibt das Kirschenpflücken als eine Tätigkeit, die einer anderen Ordnung angehört als die von Eile, Leistung und Zweckmäßigkeit bestimmte Arbeit. Schon der Gesang der Nachtigall ist für ihn untrennbar mit dem sommerlichen Garten verbunden. Klang, Landschaft, Duft und Geschmack bilden eine Erfahrung, die sich nicht in einzelne Sinneseindrücke zerlegen läßt.

Im Kirschbaum erlebt er eine besondere Form der Freiheit. Sie besteht nicht darin, nach Belieben handeln zu können, sondern darin, die Dinge in ihrer Eigenart zu erkennen und sich selbstverständlich zwischen ihnen zu bewegen. Weder Anstrengung noch Selbstbehauptung sind dafür erforderlich.

Entscheidend wird die Erfahrung, nichts darstellen und nichts leisten zu müssen. Hamvas ist in diesem Augenblick weder Künstler noch Denker, sondern einfach Mensch. Die Freiheit erscheint nicht als außergewöhnliches Ereignis, sondern als unaufgeregte Gegenwart.

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Aufmerksamkeit und Muße

Sei ShōnagonSaigyōZhuangziOscar Benl

Oscar Benl Alltag und geistige Übung

Oscar Benl (1914–1986)

Deutscher Japanologe und Übersetzer. Er erschloß japanische Literatur und religiöse Überlieferungen für ein deutschsprachiges Publikum.

Musô Kokushi (1275–1351) – Ein japanischer Zen-Meister · Oriens Extremus, Band 2, Heft 1, 1955, S. 86–108 · wissenschaftlicher Aufsatz mit von Benl übersetzten Textpassagen · deutscher Titel redaktionell

Oscar Benl stellt den Zen-Meister Musō Kokushi (1275–1351) als geistigen Lehrer vor, dessen Wirken weit über das Kloster hinaus die japanische Kultur prägte. Im Mittelpunkt stehen seine Unterweisungen zur Übung (kufū): Geistige Sammlung soll nicht auf die Meditation zu festgelegten Zeiten beschränkt bleiben, sondern auch Essen, Gehen, Arbeiten und Wahrnehmen durchdringen.

Benl erläutert den Unterschied zwischen einer äußerlich befolgten Übungsmethode und einer Haltung, die nicht mehr zwischen innerer Sammlung und alltäglichen Verrichtungen trennt. Dabei kennt die Unterweisung des Meisters keine unveränderlichen Rezepte. Selbst gegensätzliche Anweisungen können je nach Mensch und Situation ihren Sinn haben.

Zum Schluß wendet sich die Darstellung der Natur und den Künsten zu. Musō bejaht die Freude an Landschaft, Dichtung und Musik, warnt aber davor, daß künstlerische Fertigkeit zum Selbstzweck wird. Benl verbindet diese Auffassung mit der Entwicklung der japanischen Gartenkunst.

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Aufmerksamkeit und Muße

Sei ShōnagonSaigyōZhuangziBéla Hamvas

Lü Buwei Anfänge der Musik

呂不韋 [Lü Buwei] (um 300–236 v. Chr.)

Chinesischer Staatsmann der Zeit der Streitenden Reiche. Unter seiner Förderung entstand die enzyklopädische Sammlung Frühling und Herbst des Lü Buwei.

呂氏春秋 (Frühling und Herbst des Lü Buwei), Buch VI, 3. Kapitel: 音初 (Anfänge der Musik) · zusammengestellt um 239 v. Chr. unter Lü Buweis Patronat · deutsche Übersetzung von Richard Wilhelm, Eugen Diederichs, Jena 1928

Das unter Lü Buweis Patronat zusammengestellte Werk erzählt zunächst von den Ursprüngen verschiedener Gesangstraditionen. Aus einem Schicksalsschlag, aus Erwartung, Heimweh und dem Fortflug einer Schwalbe entstehen Lieder. Musik erscheint nicht als bloße Verzierung, sondern als Antwort auf menschliche Erfahrungen.

Dann weitet sich die Betrachtung: Musik geht aus den Bewegungen des Herzens hervor, nimmt als Klang äußere Gestalt an und wirkt von dort auf das Innere zurück. In den Tönen eines Landes lassen sich dem Text zufolge seine Bräuche, seine Gesinnung und die Verfassung seines Gemeinwesens erkennen.

Musik ist so nicht allein eine Kunstform, sondern Teil einer Wechselwirkung zwischen Mensch und Welt. Der Text schreibt ihr eine sittlich ordnende oder zersetzende Kraft zu. Seine Vorstellung von Harmonie verbindet die Erfahrung des einzelnen mit der Ordnung des Zusammenlebens.

Maria Sibylla MerianDie Verwandlung des Lebendigen

Maria Sibylla Merian (1647–1717)

Naturforscherin, Zeichnerin und Kupferstecherin. Ihre Studien zeigen Insekten und Pflanzen in ihrem Lebenszusammenhang und ihrer Verwandlung.

Metamorphosis insectorum Surinamensium · Amsterdam 1705 · Erstausgabe mit 60 Tafeln und erläuternden Texten auf Niederländisch und Latein · redaktioneller deutscher Titel

Maria Sibylla Merian beobachtete Raupen, ihre Nahrungspflanzen, ihre Verpuppung und die aus ihnen hervorgehenden Falter. Anders als eine Darstellung, die ein Lebewesen als unveränderlichen Gegenstand behandelt, zeigt sie den Zusammenhang verschiedener Lebenszustände. Ihre Reise nach Suriname in den Jahren 1699 bis 1701 gab ihr Gelegenheit, diese Beobachtungen an dortigen Insekten und Pflanzen fortzusetzen.

In ihren Tafeln stehen Blätter, Blüten, Früchte, Raupen, Puppen und Falter zugleich nebeneinander. Das Bild vereinigt, was in der Natur nur nacheinander wahrgenommen werden kann. Es ist daher kein bloßes Abbild eines einzelnen Augenblicks, sondern eine durch genaue Beobachtung gewonnene Gestaltung von Entwicklung und Beziehung.

Jesus von NazarethDie Lilien auf dem Feld

Jesus von Nazareth (um 4 v. Chr. – um 30 n. Chr.)

Jüdischer Wanderprediger aus Galiläa. Verkündete das Reich Gottes und lehrte in Gleichnissen und bildhaften Reden. Seine Worte sind durch die Evangelien überliefert.

Evangelium nach Matthäus, 6,25–34 · Bergpredigt · neutestamentliche Überlieferung des 1. Jahrhunderts · redaktioneller deutscher Titel

In der Bergpredigt richtet Jesus von Nazareth den Blick seiner Zuhörer auf die Vögel des Himmels und die Lilien des Feldes. Sie sorgen nicht für den kommenden Tag, und doch empfangen sie, was sie zum Leben brauchen. Selbst die Pracht des Königs Salomo stellt er hinter die Erscheinung einer einzelnen Blume zurück.

Die Bilder aus der Natur dienen nicht bloß der Veranschaulichung einer Lehre. Jesus fordert dazu auf, das Vertraute auf andere Weise anzusehen. An den Vögeln und Blumen wird eine Ordnung sichtbar, die sich menschlicher Berechnung und Vorsorge entzieht.

Daraus entwickelt er seine Rede gegen die Sorge um das eigene Leben. Nahrung, Kleidung und Zukunft sollen nicht zum ausschließlichen Maßstab des Daseins werden. Der Mensch wird auf eine Wirklichkeit verwiesen, die nach Jesu Verkündigung im Vertrauen auf Gott gründet.

Die Rede verbindet eine Aufforderung zum Schauen mit einer Veränderung der Lebenshaltung. Nicht die Beherrschung der Welt steht am Anfang, sondern die Aufmerksamkeit für das, was ohne menschliches Zutun wächst und geschieht.

Ein von Jesus selbst verfaßter Text ist nicht überliefert. Die Evangelien wurden erst nach seinem Tod niedergeschrieben. Die Rede ist daher in der Fassung des Matthäusevangeliums überliefert, nicht als unmittelbare Niederschrift seiner Worte.

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Lew Nikolajewitsch Tolstoi

Pieter Bruegel der ÄltereDie Welt als Spiel

Pieter Bruegel der Ältere (um 1525/30–1569)

Flämischer Maler der Renaissance. Seine vielgestaltigen Szenen zeigen menschliches Leben in Landschaften, Dörfern und alltäglichen Verrichtungen.

Kinderspiele · 1560 · Öl auf Eichenholz · 118 × 161 cm · Kunsthistorisches Museum Wien, Gemäldegalerie, Inv.-Nr. GG 1017 · Bildbetrachtung, kein überlieferter Autorentext · redaktioneller deutscher Titel

Von einem erhöhten Standpunkt aus blickt man auf einen Platz, Straßen und Häuser, zwischen denen sich unzählige Kinder bewegen. Sie treiben Reifen, gehen auf Stelzen, spielen Blinde Kuh, bilden Gruppen, führen kleine Wettkämpfe aus oder ahmen Verrichtungen und Zeremonien der Erwachsenen nach. Kein einzelnes Spiel beherrscht das Bild. Jedes besitzt für die Beteiligten seine eigene Ordnung und seinen eigenen Ernst.

Die Fülle der gleichzeitig dargestellten Tätigkeiten verlangt ein langsames Sehen. Der Blick wandert von Gruppe zu Gruppe, verliert sich in Nebensächlichkeiten und findet neue Zusammenhänge. Die Stadt ist nicht bloß Hintergrund der Spiele: Plätze, Straßen und Gebäude werden durch sie zu einer eigenen, vorübergehenden Welt.

Bruegel zeigt nicht einfach Kinder bei einer Beschäftigung. Ihr Spiel macht Formen des Zusammenlebens sichtbar: Nachahmung, Vereinbarung, Wettbewerb, Zufall und Gemeinschaft. Ob darin eine Vorwegnahme der Erwachsenenwelt, ein Bild menschlicher Torheit oder die Freiheit einer eigenen Lebensform liegt, bleibt offen. Gerade diese Offenheit bewahrt dem Gemälde seine Lebendigkeit.

So entsteht aus genauer Beobachtung eine bildliche Ordnung, die sich nicht auf eine einzige Aussage festlegen läßt.

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Aufmerksamkeit und Muße

Heinrich von KleistAristophanes

Johann Peter Eckermann Das Gespräch als Spiegel

Johann Peter Eckermann (1792–1854)

Deutscher Schriftsteller und enger Vertrauter Goethes. Seine Aufzeichnungen über Gespräche mit Goethe prägten dessen spätere Wahrnehmung.

Vorrede zu Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens · Weimar, 31. Oktober 1835 · erstmals veröffentlicht bei F. A. Brockhaus, Leipzig 1836 · redaktioneller Titel

Eckermann erläutert, wie aus den Begegnungen mit Goethe ein literarisches Werk entstanden ist. Er wollte das Erlebte durch schriftliche Aufzeichnung bewahren und sich das Gehörte auf diese Weise aneignen. Zugleich erkennt er die Unvollständigkeit seines Unternehmens: Vieles ist der Erinnerung entglitten, und auch das Festgehaltene trägt die Eigenart dessen, der es wahrgenommen hat.

Goethes Persönlichkeit erscheint ihm wie ein vielseitiger Diamant, der je nach Blickrichtung andere Farben zeigt. Seine eigene Darstellung kann deshalb nur einen Ausschnitt wiedergeben. Eckermann versteht auch die scheinbaren Widersprüche in Goethes Äußerungen über Kunst und Dichtung nicht als Fehler, die es zu beseitigen gilt, sondern als verschiedene Annäherungen an eine umfassendere Wahrheit.

Selbst beiläufige Gespräche und scheinbar unbedeutende Einzelheiten möchte er bewahren. Sie können einen Menschen auf eine Weise sichtbar machen, die einer geglätteten, widerspruchsfreien Darstellung verschlossen bleibt.

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Ninon de Lenclos

Bild und Wirklichkeit

Herman van Swanevelt

Arno SchmidtDie Landschaft im Quadrat

Arno Schmidt (1914–1979)

Deutscher Schriftsteller und Photograph. Er lebte seit 1958 in Bargfeld; seine Photographien blieben lange im Schatten seines literarischen Werkes.

Schwarzweiß- und Farbphotographien · vor allem aus den 1950er bis 1970er Jahren · Bargfeld, Südheide und weitere Landschaften Norddeutschlands · redaktioneller Titel

Arno Schmidt war in erster Linie Schriftsteller. Weniger bekannt ist, daß er seit den 1930er Jahren auch photographierte. In seinen Landschaftsaufnahmen begegnen uns Felder, Wiesen, Waldwege, Kiefernreihen, Wasserläufe und Wolken. Die Motive sind unspektakulär; ihre genaue Betrachtung läßt Linien, Lichtverhältnisse und räumliche Ordnungen hervortreten, die dem flüchtigen Blick entgehen.

In den Schwarzweißphotographien der fünfziger Jahre gliedern Helligkeitswerte und Flächen das meist quadratische Bild. Die späteren Farbdiapositive, besonders aus der Umgebung von Bargfeld, erkunden die Beziehungen zwischen Farbfeldern, wechselndem Licht und der Gestalt der Landschaft. Der begrenzte Bildausschnitt wird zum Ort einer eigenen Wahrnehmung.

Schmidts Photographien bedürfen keiner spektakulären Ereignisse. Sie verweilen bei dem, was scheinbar immer schon da ist, und machen sichtbar, wie wenig selbstverständlich diese vertraute Umgebung in Wahrheit ist.

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Aufmerksamkeit und Muße

Hans Jürgen von der Wense

Adolf MietheDas Licht in drei Bildern

Adolf Miethe (1862–1927)

Deutscher Photochemiker, Photograph und Hochschullehrer. Er entwickelte das Dreifarbenverfahren weiter und erforschte die künstlerischen Möglichkeiten der Photographie.

Dame mit dem roten Sonnenschirm · 1902 · Dreifarbenphotographie, auf dem Fischland aufgenommen und 1902 in der Zeitschrift für Reproduktionstechnik veröffentlicht · redaktioneller deutscher Beitragstitel

1902 photographiert Adolf Miethe auf dem Fischland eine Frau mit einem roten Sonnenschirm. Die Aufnahme gehört zu den frühesten Ergebnissen seines neuen Dreifarbenverfahrens, mit dem er die Farben der Natur photographisch wiederzugeben vermag.

Anders als eine nachträglich kolorierte Schwarzweißaufnahme entsteht das Bild aus drei aufeinanderfolgenden Belichtungen durch unterschiedliche Farbfilter. Erst ihre Vereinigung bringt die farbige Erscheinung hervor. Was dem Betrachter als ein einziger Augenblick begegnet, wurde in mehreren zeitlich getrennten Aufnahmen festgehalten.

Miethe verbindet naturwissenschaftliche Forschung mit einem künstlerischen Verständnis der Photographie. Bereits 1897 hatte er sich in einer Schrift mit der Ästhetik photographischer Landschaftsaufnahmen beschäftigt. Seine frühen Farbbilder zeigen, wie sehr die photographische Wiedergabe der sichtbaren Welt von den Verfahren abhängt, durch die sie überhaupt erst möglich wird.

Sergei Michailowitsch Prokudin-GorskiDie Farben einer vergangenen Welt

Сергей Михайлович Прокудин-Горский [Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski] (1863–1944)

Russischer Chemiker und Photograph. Nach Studien bei Adolf Miethe dokumentierte er zwischen 1909 und 1915 das Russische Reich in Farbaufnahmen.

Крестьянскія дѣвушки [Drei Bauernmädchen] · 1909 · Dreifarbenphotographie, Glasnegativ mit drei Teilbildern · aus der Prokudin-Gorski Collection, Library of Congress · redaktioneller deutscher Beitragstitel

Zwischen 1909 und 1915 durchreist Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski das Russische Reich, um dessen Landschaften, Menschen und Bauwerke in Farben festzuhalten. Seine Photographien zeigen Dörfer, Klöster, Fabriken, Flüsse und Eisenbahnen, aber auch Menschen unterschiedlicher Herkunft in ihrem alltäglichen Leben.

1902 hatte Prokudin-Gorski bei Adolf Miethe in Charlottenburg das Verfahren der Dreifarbenphotographie studiert. Wie sein Lehrer belichtet er ein Motiv nacheinander durch drei verschiedene Farbfilter. Bei der Projektion werden die Teilbilder wieder vereinigt und lassen eine farbige Erscheinung entstehen.

Mit Unterstützung des Zaren Nikolaus II. entwickelt Prokudin-Gorski sein Vorhaben zu einer umfassenden photographischen Bestandsaufnahme des Reiches. Seine Bilder dokumentieren eine vielfältige Welt, die wenige Jahre später tiefgreifende Veränderungen erfahren wird. Zugleich sind sie Zeugnisse einer bestimmten Sicht auf dieses Reich, seiner kulturellen Vielfalt und seiner technischen Entwicklung.

Die erhaltenen Glasnegative befinden sich heute in der Library of Congress. Ihre digital rekonstruierten Farben machen die historischen Aufnahmen wieder sichtbar, ohne den ursprünglichen Farbeindruck der damaligen Projektionen vollständig wiedergeben zu können.

So begegnen sich in diesen Photographien zwei Zeiten: der Augenblick ihrer Entstehung und die Gegenwart, in der die Bilder erneut zu einer farbigen Welt zusammengesetzt werden.

Wahlverwandtschaften

Bild und Wirklichkeit

Adolf MietheArno Schmidt

Zeit und Erinnerung

Marion KalterWalter Benjamin

Gideon Bachmann Warum Menschen ins Kino gehen

Gideon Bachmann (1927–2016)

Deutscher Filmkritiker, Filmemacher, Photograph und Rundfunkautor. Er führte über Jahrzehnte Gespräche mit Filmemachern und sammelte deren Stimmen in seinem Archiv Vox Humana.

The Quest for Cultural Identity: Why Do People Go to the Cinema? · Arbeitspapier für das Symposium The Cinema of Tomorrow, Karlsruhe, 19. November 1996 · veröffentlicht in Kinema, Herbst 1997 · englischer Originaltext · redaktioneller deutscher Titel

Warum gehen Menschen ins Kino? Gideon Bachmann bezweifelt, daß der Wunsch, einen bestimmten Film zu sehen, allein den Kinobesuch erklärt. Ein Film kann auch zu Hause betrachtet werden. Das Kino bietet jedoch etwas anderes: die Erfahrung, gemeinsam mit anderen an einem Ereignis teilzunehmen. Was die Menschen anzieht, ist für Bachmann nicht notwendig der einzelne Film, sondern ebenso der Ort, die Versammlung, die Erwartung eines gemeinsamen Abends.

Er erinnert sich an seine erste Kinovorstellung während des Zweiten Weltkriegs in Gaza. Der Film wurde in kurzen Abschnitten gezeigt, unterbrochen von Tänzern, Musikern und Zauberkünstlern. Der Kinobesuch war ein ganzer Abend, und die Vorführung nur ein Teil davon. Später erkennt Bachmann etwas Ähnliches bei den Freiluftvorführungen auf der Piazza in Locarno: Die Zuschauer kommen auch, um einander zu begegnen und an der Atmosphäre des Platzes teilzuhaben.

Diese Beobachtungen führen ihn zur Spannung zwischen Individualität und Zugehörigkeit. Technische Kommunikationsmittel können nach seiner Auffassung die Begegnung erleichtern und zugleich die Vereinzelung verstärken. Auch die Filmindustrie nutzt den Wunsch nach Gemeinsamkeit, indem sie Beliebtheit zum Maßstab erhebt. Bachmann fragt deshalb, ob eine öffentliche Filmkultur möglich ist, die Gemeinschaft stiftet, ohne sich auf das allgemein Gefällige zu beschränken.

Schließlich verbindet er seine Überlegungen mit der Zeit. Die menschliche Vorstellungskraft, so seine These, entwerfe andere Lebensmöglichkeiten, weil die Gegenwart nicht ausreiche. Das Kino bezeichnet er als eine Kunst, die Zeit gestaltet.

Wahlverwandtschaften

Film und Wahrnehmung

Charles ChaplinPier Paolo Pasolini

Zeit und Erinnerung

Walter Benjamin

Georges I. Gurdjieff Ein genaues Studium verlangt eine genaue Sprache

Георгий Иванович Гюрджиев [Georges I. Gurdjieff] (1866–1949)

Spiritueller Lehrer und Autor. Seine Lehre verbindet Selbsterkenntnis, Aufmerksamkeit und praktische Übungen im alltäglichen Leben.

Gespräch mit Schülerinnen und Schülern · New York, Februar 1924 · Auszüge aus Aus der wirklichen Welt. Lehrgespräche mit seinen Schülerinnen und Schülern · deutsche Übersetzung: Hans-Henning Mey · Chalice Verlag

Gurdjieff bezweifelt, daß die vertrauten Wörter der Alltagssprache ein verläßliches Verständnis zwischen Menschen ermöglichen. Jeder verbindet mit ihnen eigene Vorstellungen, die sich mit seinen Erfahrungen und Stimmungen verändern. So kann ein Gespräch den Anschein gegenseitiger Verständigung erzeugen, während die Beteiligten unter denselben Begriffen Verschiedenes verstehen.

Am Beispiel des Wortes „Welt“ stellt Gurdjieff die Erklärungen eines Naturforschers, eines Philosophen oder eines religiösen Menschen nebeneinander. Jede erfaßt nur einen bestimmten Ausschnitt. Auch der Begriff „Mensch“ bleibe unzureichend bestimmt, solange wir nicht erkennen, wie wir selbst denken und handeln.

Eine genaue Sprache verlangt für ihn daher nicht allein präzisere Begriffe, sondern vor allem Selbstbeobachtung. Erst wer die eigenen Gedanken und Reaktionen wahrnimmt, kann sich dem Unterschied zwischen gewohnheitsmäßigem Verhalten und bewußtem Handeln nähern.

Wahlverwandtschaften

Johann Gottfried HerderErkennen und Empfinden

Johann Gottfried Herder (1744–1803)

Deutscher Philosoph, Theologe und Dichter. Er begriff Sprache, Geschichte und Empfinden als miteinander verbundene Ausdrucksformen menschlichen Lebens.

Vom Erkennen und Empfinden der menschlichen Seele. Bemerkungen und Träume · Riga 1778 · redaktioneller Beitragstitel

Herder bezweifelt, daß man die menschliche Seele verstehen könne, wenn man Denken und Empfinden als voneinander unabhängige Vermögen betrachtet. Was der Mensch erkennt, ist mit seiner sinnlichen, körperlichen und geschichtlichen Existenz verbunden. Erkenntnis beginnt nicht jenseits des Lebens, sondern innerhalb seiner Erfahrungen.

Die Empfindung ist bei Herder nicht bloß ein undeutlicher Vorläufer klarer Begriffe. Sie beteiligt sich an der Weise, in der der Mensch mit seiner Umwelt in Beziehung tritt. Das Lebendige läßt sich daher nicht erschöpfend durch eine abstrakte Zergliederung seiner Kräfte erklären.

Seine Schrift sucht keine einfache Auflösung des Verhältnisses von Gefühl und Verstand. Sie eröffnet vielmehr eine Betrachtung des Erkennens, in der körperliche Erfahrung, Sprache, Einbildungskraft und geistige Tätigkeit zusammengehören.

Wahlverwandtschaften

László F. Földényi Die Melancholie von Anselm Kiefer

László F. Földényi (* 1952)

Ungarischer Essayist, Kunstkritiker und Literaturwissenschaftler. Seine Texte beschäftigen sich mit Melancholie, Malerei und der Geschichte geistiger Vorstellungen.

Die Melancholie von Anselm Kiefer · in: Sind alle Denker traurig? Fallstudien zum melancholischen Grund des Schöpferischen in Asien und Europa, hrsg. von Günter Blamberger, Sidonie Kellerer, Tanja Klemm und Jan Söffner · Wilhelm Fink, Paderborn 2015, S. 47–62 · aus dem Ungarischen von Akos Doma

Földényi beginnt bei der Mystik des Pseudo-Dionysius: Im Sichtbaren bleibt etwas Unsichtbares gegenwärtig, das sich nicht auf eine begriffliche Bedeutung zurückführen läßt. Von diesem Gedanken her betrachtet er Anselm Kiefers Bilder und Plastiken. Ihre schweren, beschädigt wirkenden Materialien eröffnen einen Raum, in dem sich Schöpfung und Zerstörung, Hoffnung und Verzweiflung nicht voneinander trennen lassen.

Eine wiederkehrende Figur ist der Polyeder aus Dürers Melencolia I. Bei Kiefer begegnet er in verlassenen Landschaften, auf Flugzeugen oder anstelle des Kopfes der Philosophin Hypatia. Er verweist auf eine Melancholie, die nicht bloß Gemütszustand ist, sondern die Welt in einem fremden Licht erscheinen läßt. Auch die Geschichte des 20. Jahrhunderts wird in dieser Bildsprache gegenwärtig.

Földényi begreift Melancholie als eine Grenzerfahrung zwischen Stoff und Geist, Sichtbarem und Unsichtbarem. Das Kunstwerk vermag diese Spannung zur Erscheinung zu bringen, ohne sie aufzulösen.

Wahlverwandtschaften

Bild und Wirklichkeit

Caspar David Friedrich

Giovanni Boccaccio Lisabetta da Messina

Giovanni Boccaccio (1313–1375)

Italienischer Dichter und Erzähler des Frühhumanismus. Das Decameron gehört zu den prägenden Werken der europäischen Novellistik.

Decameron, vierter Tag, fünfte Novelle · entstanden um 1349–1353 · Redaktioneller Titel

In Messina liebt Lisabetta den jungen Lorenzo, der im Geschäft ihrer drei Brüder arbeitet. Als diese von der heimlichen Verbindung erfahren, fürchten sie um den Ruf der Familie. Sie locken Lorenzo aus der Stadt, töten ihn und behaupten, er sei auf Reisen. Lisabetta wartet vergeblich, bis ihr der Geliebte im Traum erscheint und ihr verrät, wo er begraben liegt.

Sie findet den Leichnam, nimmt den Kopf an sich und verbirgt ihn in einem Blumentopf, den sie mit Basilikum bepflanzt. Sie pflegt die Pflanze und beweint an ihr den Toten. Als die Brüder ihr den Topf wegnehmen, schwindet ihre letzte Verbindung zu Lorenzo; schließlich stirbt sie vor Kummer.

Boccaccio führt Traum, Liebe und Tod in einem einzigen Gegenstand zusammen. Der Basilikumtopf ist zugleich Versteck, Grab und Ort der Erinnerung. Die Wahrheit des Traums bestätigt sich durch die Entdeckung des Leichnams, doch bleibt die Erscheinung selbst unerklärt.

Wahlverwandtschaften

Bild und Wirklichkeit

Georges Bataille

Sprache und Schweigen

Murasaki Shikibu

Simone Weil Die Aufmerksamkeit

Simone Weil (1909–1943)

Französische Philosophin, politische Denkerin und Mystikerin. Ihre Schriften untersuchen Aufmerksamkeit, Leid und die ethische Verpflichtung gegenüber anderen.

Redaktioneller Kurztitel · Réflexions sur le bon usage des études scolaires en vue de l’amour de Dieu · verfaßt 1942 · in: Attente de Dieu, La Colombe, Paris 1950, S. 113–123 · französischer Originaltext

Weil unterscheidet die verkrampfte Anstrengung von einer Aufmerksamkeit, in der das Denken innehält und offen bleibt für das, was sich zeigt. Auch die vergebliche Suche nach einer Lösung kann dieses Vermögen bilden. Entscheidend ist nicht allein das Ergebnis, sondern die Haltung, mit der sich der Mensch einer Aufgabe zuwendet.

Schulische Übungen erhalten für Weil damit einen geistlichen Sinn: Sie bereiten jene Aufmerksamkeit vor, die sie als Wesen des Gebets betrachtet. Nicht willentliche Anspannung, sondern ein waches, geduldiges Erwarten soll dem Gegenstand Raum geben. Erkenntnis verlangt die Bereitschaft, vorgefaßte Gedanken zurückzustellen.

Am Ende führt Weil den Gedanken von der Gottesliebe zur Liebe des Nächsten. Wer einem leidenden Menschen gerecht werden will, muß ihn als einzelnen Menschen wahrnehmen, nicht als Vertreter einer Kategorie. Solche Zuwendung setzt eine Aufmerksamkeit voraus, die sich selbst zurücknimmt, um den anderen in seiner Wirklichkeit zu erkennen.

Wahlverwandtschaften

Zeit und Erinnerung

Augustinus von Hippo

Sprache und Schweigen

Dschalal ad-Din RumiMeister Eckhart

Tonino Guerra Die Heimkehr

Tonino Guerra (1920–2012)

Italienischer Dichter und Drehbuchautor. Er schrieb unter anderem für Federico Fellini und Michelangelo Antonioni; Krieg und Heimkehr prägten seine frühen Erfahrungen.

Die Heimkehr · aus: Aufbruch in Troisdorf. Am Rhein begann das Werk des Dichters und Drehbuch-Autors Tonino Guerra · Tonino Guerra und Roland Günter · Klartext Verlag, Essen 1992, S. 49–50 · Übersetzung: Roland Günter

Im Sommer 1945 kehrt Tonino Guerra aus deutscher Gefangenschaft in seine Heimatstadt Santarcangelo zurück. Für den kurzen Weg vom Bahnhof zu seinem Elternhaus braucht er sechs Stunden. Er fürchtet, die Familie zu erschrecken, die ihn für tot hält, und schickt ihr deshalb nach und nach immer genauere Nachrichten über seine Ankunft.

Der Vater empfängt ihn mit äußerlicher Zurückhaltung. Er fragt, ob der Sohn gegessen habe, und entfernt sich. Erst als wenig später ein Barbier erscheint, den der Vater geschickt hat, erkennt Guerra in der unscheinbaren Fürsorge dessen Zuneigung. Am Ende blickt er auf die Gefangenschaft zurück: Aus den Geschichten, die er über diese Zeit erzählte, erwuchs seine Arbeit für den Film, aus seinen Gedichten sein Weg zur Literatur. Die Kriegsgeschichten selbst schrieb er nicht nieder, weil sie für ihn durch das häufige Erzählen ihre Frische verloren hatten.

Wahlverwandtschaften

Japanische Überlieferung Urashima Tarō

浦島太郎 [Urashima Tarō] · japanische Erzählung, seit dem 8. Jahrhundert überliefert

Die Erzählung von Urashima Tarō gehört zur alten japanischen Überlieferung. Sie verbindet eine Reise in eine andere Welt mit dem Rätsel der vergehenden Zeit.

Urashima Tarō · frei ins Deutsche bearbeitet von Karl Alberti, in: Japanische Märchen, Cl. Attenkofersche Verlagsbuchhandlung, Straubing 1913 · daneben eine eigenständige japanische Nacherzählung von 楠山正雄 [Kusuyama Masao] (1884–1950)

Der Fischer Urashima befreit eine Schildkröte aus den Händen von Kindern. Zum Dank führt ihn das Tier auf den Grund des Meeres, in den Palast der schönen Königin Otohime. Dort begegnet er einer Welt, in der die Jahreszeiten zugleich gegenwärtig sind und die Zeit stillzustehen scheint. Nach sieben Tagen ergreift ihn die Sehnsucht nach seiner Familie. Die Königin entläßt ihn und schenkt ihm ein verschlossenes Kästchen, das er niemals öffnen soll.

Bei seiner Rückkehr erkennt er sein Dorf nicht wieder. Sein Haus liegt in Trümmern, und niemand kennt ihn. Ein alter Mann berichtet, daß der Fischer Urashima vor siebenhundert Jahren verschwunden sei. Verzweifelt öffnet Urashima das Kästchen. Eine weiße Wolke entweicht, und seine Jugend vergeht in einem Augenblick.

Die Erzählung verknüpft die Reise in eine andere Welt mit der unwiderruflichen Veränderung der vertrauten Wirklichkeit. Die Heimkehr ist keine Wiederkehr: Der Ort ist geblieben, doch seine Zeit und die Menschen, die ihm Bedeutung gaben, sind verloren. Die verschiedenen Fassungen überliefern unterschiedliche Zeitspannen und Einzelheiten.

Carl Gustav Jung Das Schöpferische und das Urbild

Carl Gustav Jung (1875–1961)

Schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie. Er beschäftigte sich mit Archetypen, Symbolen und schöpferischen Vorgängen des Unbewußten.

Psychologie und Dichtung · zuerst 1930 in Philosophie der Literaturwissenschaft, herausgegeben von Emil Ermatinger, S. 315–330 · 1950 erweitert · deutscher Originaltext · redaktioneller Titel

Jung fragt, was die Psychologie zum Verständnis eines dichterischen Kunstwerks beitragen kann. Dabei unterscheidet er das Werk von der Persönlichkeit seines Urhebers. Aus der Lebensgeschichte eines Dichters lasse sich die Entstehung seines Werkes nicht hinreichend erklären. Das Schöpferische entziehe sich einer vollständigen psychologischen Ableitung.

Er unterscheidet eine psychologische Art der Dichtung, die vertraute menschliche Erfahrungen gestaltet, von einer visionären, in der fremdartige Bilder aus tieferen seelischen Schichten hervortreten. In solchen Bildern erkennt Jung die Wirkung von Urbildern oder Archetypen, die nach seiner Auffassung auch in Mythen und Träumen erscheinen.

Das Kunstwerk bringt für Jung etwas zur Anschauung, das zuvor noch keine allgemein verständliche Gestalt besaß. Der Dichter ist dabei nicht nur derjenige, der ein Werk hervorbringt: Seine eigene Entwicklung wird vom schöpferischen Vorgang mitbestimmt. So versteht Jung Kunst als eine Formgebung des noch Unausgesprochenen, deren Bedeutung über die persönlichen Absichten des Künstlers hinausreichen kann.

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Nikolai Berdjajew

Hermann Hesse Bekenntnis

Hermann Hesse (1877–1962)

Deutsch-schweizerischer Schriftsteller und Dichter. Sein Werk fragt nach innerer Entwicklung, geistiger Suche und der Freiheit des einzelnen.

Bekenntnis · Gedicht, 1918 · deutscher Originaltext

Das Gedicht Bekenntnis stellt einem Leben, das sich an Zwecken und Zielen ausrichtet, eine andere Haltung gegenüber: die Bereitschaft, den Erscheinungen der Welt ohne unmittelbaren Nutzenanspruch zu begegnen. Was die Sinne berührt, erscheint dem lyrischen Ich als Gleichnis.

Der sichtbare Schein ist dabei kein bloßer Gegensatz zur Wahrheit. Er wird zur Bilderschrift, die auf eine Einheit des Daseins verweist. Hesse begreift Wahrnehmung als ein Lesen: Die einzelnen Erscheinungen gewinnen ihren Sinn nicht isoliert, sondern als Hinweise auf etwas, das sie übersteigt.

Am Ende wendet sich diese Suche nach innen. Das Ewige wird nicht als fernes Jenseits behauptet, sondern als eine Gegenwart erfahren, die der Sprecher auch in sich selbst erkennt.

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Bild und Wirklichkeit

Heinrich Heine

Sophie Friederike Mereau Erinnerung und Phantasie

Sophie Friederike Mereau (1770–1806)

Deutsche Schriftstellerin und Übersetzerin der Frühromantik. Ihre Gedichte und Erzählungen erkunden Liebe, Erinnerung und weibliche Selbstbestimmung.

Erinnerung und Phantasie · in: Friedrich Schiller (Hrsg.), Musen-Almanach für das Jahr 1796, Neustrelitz: Michaelis 1796, S. 149–151

Mereau spricht die Erinnerung als eine Macht an, die Vergangenes wachruft, ohne es zurückgeben zu können. Einst erfahrenes Glück erscheint nur noch unter dem Zeichen des Verlusts. Der Blick zurück hält die Seele an unwiederbringliche Bilder gebunden und verwandelt Sehnsucht in Schwermut.

Der Phantasie dagegen schreibt die Dichterin eine befreiende Bewegung zu. Sie überschreitet die Grenzen der Gegenwart, der räumlichen Entfernung und der eigenen Bedürftigkeit. Ihr Reich ist das Mögliche: Hier kann selbst die noch verborgene Zukunft in Bildern erscheinen. Was die Wirklichkeit nicht zu umfassen vermag, wird der Vorstellungskraft zugänglich.

So führt das Gedicht von der bedrückenden Erinnerung zu einem schöpferischen Vorausblick. Nicht das Gewesene wird zurückgewonnen; vielmehr öffnet sich ein anderer Bezug zur Zeit.

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Karoline von Günderrode

Friedrich Hölderlin Drei Gedichte

Friedrich Hölderlin (1770–1843)

Deutscher Dichter. Seine Hymnen, Elegien und späten Gedichte verbinden griechische Antike, Naturerfahrung und die Suche nach dem Göttlichen.

Diotima (1796–1798) · Das nächste Beste und Vom Abgrund nämlich … (nach 1800)

In Diotima beschwört Hölderlin die versöhnende Kraft der Schönheit. Sie soll das Entzweite zusammenführen, den Streit der Zeit beruhigen und dem Menschen eine verlorene innere Ordnung zurückgeben. Doch diese Hoffnung steht bereits unter dem Zeichen des Verlusts: Die geistige Sonne ist gesunken, und die Welt erscheint von Kälte und Unruhe erfüllt.

Die beiden späteren, fragmentarischen Gedichte lassen eine andere Sprachbewegung erkennen. Landschaften, Vögel, Ströme, fremde Gegenden und Erinnerungen an die Heimat treten in wechselnden Bildern hervor. Das Wahrgenommene wird nicht zu einer geschlossenen Aussage gefügt; die Sprache scheint sich im Fortgang erst ihren Zusammenhang zu suchen. Zwischen Nähe und Ferne, Natur und Geschichte, Abgrund und Licht wird die dichterische Erfahrung selbst zum Geschehen.

Friedrich Schlegel Die Poesie im Werden

Karl Wilhelm Friedrich Schlegel (1772–1829)

Deutscher Schriftsteller, Kritiker und Mitbegründer der Frühromantik. In seinen Fragmenten entwarf er eine offene, sich fortwährend entwickelnde Poesie.

Athenäums-Fragment Nr. 116 · Athenäum, Band 1, zweites Stück · Berlin 1798, S. 28–30 · redaktioneller deutscher Titel

Schlegel begreift Poesie nicht als abgeschlossene literarische Gattung. Als „progressive Universalpoesie“ soll sie die Grenzen zwischen Gedicht und Prosa, Philosophie und Kunst, Inspiration und Kritik überschreiten. Ihr Anspruch reicht über die Darstellung der Welt hinaus: Auch das Leben selbst soll poetisch werden.

Zugleich beschreibt Schlegel eine Kunst, die über ihre eigene Entstehung nachdenkt. Zwischen Gegenstand und Darstellung eröffnet sich eine Bewegung der Reflexion, die sich immer weiter fortsetzen läßt. Das Werk kann ein Spiegel seiner Zeit sein, ohne darin aufzugehen.

Das Entscheidende ist ihr Werden. Romantische Poesie besitzt für Schlegel keine endgültige Gestalt, die sich durch eine Theorie vollständig bestimmen ließe. Ihre Freiheit besteht gerade darin, daß jede Form erneut hervorgebracht und verwandelt werden kann.

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Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg [Novalis] Die Welt muß romantisiert werden

Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg [Novalis] (1772–1801)

Deutscher Dichter und Philosoph der Frühromantik, bekannt als Novalis. Seine Fragmente verbinden Natur, Erkenntnis und poetische Verwandlung.

Vorarbeiten zu verschiedenen Fragmentsammlungen · Fragment Nr. 105 · Frühjahr 1798 · nach dem Anfang des Fragments betitelt · nachgelassene Aufzeichnungen

Novalis beschreibt das Romantisieren als eine Verwandlung der Wahrnehmung. Die gewöhnliche Welt soll nicht verlassen oder durch eine erdachte ersetzt werden. Vielmehr erhält das Vertraute einen neuen Sinn: Das Alltägliche wird geheimnisvoll, das Bekannte erscheint fremd, das Endliche verweist auf etwas Unendliches.

Diese Bewegung nennt Novalis eine qualitative Potenzierung. Sie bedeutet keine bloße Verschönerung der Wirklichkeit, sondern die Entdeckung eines Sinns, der in der gewohnten Betrachtung verborgen bleibt.

Die Bewegung vollzieht sich auch in umgekehrter Richtung. Das Unbekannte, Hohe und Unendliche soll eine vertraute Gestalt gewinnen. Poesie verbindet damit zwei Bereiche, die gewöhnlich voneinander getrennt erscheinen.

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Heinrich Heine Die Romantik und die Wirklichkeit

Heinrich Heine (1797–1856)

Deutscher Dichter und Publizist. Sein Werk verbindet lyrische Empfindsamkeit mit Ironie, gesellschaftlicher Kritik und der Auseinandersetzung mit der Romantik.

Die romantische Schule · Erstes Buch · Buchausgabe Hamburg 1836 · redaktioneller deutscher Titel

Heine untersucht die deutsche Romantik als Wiederaufnahme mittelalterlicher Dichtung und christlicher Vorstellungswelten. Er erkennt ihre poetische Kraft an, betrachtet aber zugleich kritisch, welche Vorstellungen vom Menschen und vom Leben sie vermittelt.

Besonders beschäftigt ihn das Verhältnis von Geist und Sinnlichkeit. Wo die romantische Kunst hinter den sichtbaren Dingen verborgene Bedeutungen sucht, fragt Heine, ob darüber nicht die eigenständige Wirklichkeit des Irdischen verloren geht. Er widerspricht einer Kunstauffassung, die den Körper nur als Hülle geistiger Wahrheiten behandelt.

Dabei ist seine Kritik selbst von dichterischer Anschaulichkeit geprägt. Heine argumentiert mit Bildern, Vergleichen und Ironie.

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Bild und Wirklichkeit

Hermann Hesse

Rainer Maria Rilke Aus innerer Notwendigkeit

Rainer Maria Rilke (1875–1926)

Deutschsprachiger Dichter und Schriftsteller. Seine Briefe und Gedichte erkunden Einsamkeit, schöpferische Notwendigkeit und die Erfahrung des Unsichtbaren.

Briefe an einen jungen Dichter · erster Brief an Franz Xaver Kappus · Paris, 17. Februar 1903 · erstmals veröffentlicht 1929 · redaktioneller Titel

Rilke antwortet auf die Frage eines jungen Mannes, ob seine Gedichte gut seien. Statt ein ästhetisches Urteil abzugeben, fordert er ihn auf, den Ursprung seines Schreibens zu ergründen. Nicht die Anerkennung durch andere, sondern die innere Notwendigkeit des Schaffens soll darüber entscheiden, ob er Dichter sein muß.

Dabei weist Rilke auf die scheinbar unscheinbaren Erfahrungen des Alltags hin. Die eigene Umgebung, Träume und Kindheitserinnerungen enthalten einen Reichtum, den der Schreibende erst entdecken muß. Die dichterische Arbeit beginnt nicht mit der Suche nach außergewöhnlichen Gegenständen, sondern mit einer vertieften Wahrnehmung des eigenen Lebens.

Ein Kunstwerk erhält seinen Wert für Rilke aus der Notwendigkeit seiner Entstehung. Damit verbindet er künstlerische Selbständigkeit mit einer existentiellen Forderung: Das Schaffen darf nicht bloß eine Tätigkeit neben dem Leben bleiben, sondern muß aus dessen innerstem Grund hervorgehen.

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Jakob Michael Reinhold LenzStefan Zweig

Ludwig van Beethoven Die Kunst hielt mich zurück

Ludwig van Beethoven (1770–1827)

Deutscher Komponist und Pianist. Trotz zunehmender Schwerhörigkeit entwickelte er eine Musik von außerordentlicher formaler und expressiver Kraft.

Heiligenstädter Testament · nicht abgesandter Brief an seine Brüder Kaspar Karl und Nikolaus Johann · Heiligenstadt, 6. und 10. Oktober 1802 · redaktioneller Titel · Autograph: Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, ND VI 4281

Im Herbst 1802 wendet sich Beethoven in einem nicht abgesandten Schreiben an seine Brüder. Er versucht das Bild zu berichtigen, das andere von ihm haben: Sein Rückzug aus der Gesellschaft entspringt nicht Menschenfeindlichkeit, sondern dem fortschreitenden Verlust seines Gehörs. Gerade für einen Musiker wird die Erfahrung, eine Flöte oder den Gesang eines Hirten nicht mehr zu hören, zur schmerzhaften Trennung von der Welt.

Die Verzweiflung führt Beethoven bis an den Gedanken, sein Leben zu beenden. Was ihn zurückhält, ist die Kunst. Er kann die Welt nicht verlassen, bevor er hervorgebracht hat, wozu er sich berufen fühlt. Künstlerisches Schaffen erscheint hier nicht als bloßer Trost, sondern als existentielle Verpflichtung.

Neben die Kunst tritt die Geduld. Beethoven nimmt sich vor auszuharren, ohne zu wissen, ob sein Leiden nachlassen wird.

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Rainer Maria RilkeStefan ZweigMorton Feldman

Morton FeldmanDie offene Tür

Morton Feldman (1926–1987), im Gespräch mit John Cage (1912–1992)

US-amerikanischer Komponist der experimentellen Musik. Feldman stand John Cage und den Malern des abstrakten Expressionismus nahe. In seinen Werken untersuchte er Klang, Dauer und die Grenzen musikalischer Form.

Radio Happenings I–V · Gespräch I vom 9. Juli 1966, aufgenommen bei WBAI in New York · deutsch-englische Edition, Köln: MusikTexte 1993, überarbeitete Ausgabe 2015 · deutsche Übersetzung von Gisela Gronemeyer · „Die offene Tür“: redaktioneller Titel

Morton Feldman erzählt John Cage von einem Tag am Strand. Überall seien Kofferradios zu hören gewesen, deren Musik ihn gestört habe. Cage antwortet mit einer unerwarteten Umkehrung: Statt die fremden Geräusche abzuwehren, habe er begonnen, sie wahrzunehmen, als gehörten sie bereits zu seiner eigenen Musik. Für Feldman dagegen gefährdet die unablässige Beschallung jenen Zustand, in dem sich künstlerische Arbeit überhaupt erst entfalten kann.

Cage schlägt ein Gedankenexperiment vor. Bei einem Konzert mit Feldmans Musik stehe die Tür zu einem benachbarten Raum offen, aus dem Radiomusik dringt. Sollte die Tür geschlossen werden? Feldman würde sie gern offenlassen, aber auf das Radio verzichten. Hinter der heiteren Erwiderung treten zwei unterschiedliche Haltungen hervor: Cage versucht, das Unvorhergesehene in die Wahrnehmung einzubeziehen; Feldman besteht auf dem Freiraum, den der einzelne Klang benötigt.

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Aufmerksamkeit und Muße

Daisetz Teitarō SuzukiSimone Weil

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Ludwig van BeethovenPierre Reverdy

Bettine Brentano [von Arnim] Der Rhythmus des Gedankens

Bettine Brentano [von Arnim] (1785–1859)

Deutsche Schriftstellerin der Romantik. Sie gestaltete Erinnerungen und Briefe zu eigenständigen literarischen Werken, darunter Die Günderode.

Die Günderode · 1840 · zweiter Teil, Brief „An die Günderode“ (Frankfurt) · redaktioneller Titel · literarisch gestalteter Briefroman, kein unverändert überlieferter Originalbrief

Bettine erzählt, wie ihr Bruder Clemens sie dazu drängt, eine gemeinsame nächtliche Rheinreise mit Karoline von Günderrode in Verse zu fassen. Doch sie widersetzt sich dem Versuch, eine ursprüngliche Empfindung in vorgegebene Formen zu zwingen. Reim und Versmaß können nach ihrer Auffassung die freie Bewegung eines Gedankens verfälschen.

Von dieser Erfahrung gelangt sie zu einem umfassenderen Verständnis der Poesie. Musik verbindet für sie sinnliche Wahrnehmung und geistiges Erleben. Der Rhythmus ist nicht bloß äußerliche Ordnung, sondern kann einem Gedanken seine eigentliche Gestalt verleihen. Selbst Philosophie erscheint ihr als eine Form der Poesie, die sich in jedem Augenblick neu entfaltet.

Die Nähe zur Günderrode bildet den persönlichen Hintergrund dieser Überlegungen. Nicht das kunstgerechte Versmaß entscheidet über den Wert des Geschaffenen, sondern die Treue zu einer inneren Bewegung, deren Form nicht von außen aufgezwungen werden kann.

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Lü BuweiKaroline von Günderrode

Karoline von Günderrode Der Kuß im Traume

Karoline von Günderrode (1780–1806)

Deutsche Dichterin der Romantik. Ihre Lyrik und Prosa verbinden Sehnsucht, Freiheitsverlangen und die Suche nach geistiger Selbstbestimmung.

Der Kuß im Traume · Sonett · Poetische Fragmente, Frankfurt am Main 1805 · veröffentlicht unter dem Pseudonym Tian

Günderrode beschreibt einen Kuß, dessen lebensspendende Kraft allein dem Traum angehört. Die Nacht wird zu einem Ort erfüllter Sehnsucht, während der Tag als eine Welt erscheint, deren Licht nicht erhellt, sondern schmerzt.

Damit kehrt sich das gewohnte Verhältnis von Tag und Nacht um. Nicht die sichtbare Welt gewährt die tiefste Erfahrung von Wirklichkeit, sondern der Traum. Das Ersehnte ist in ihm gegenwärtig, auch wenn es sich dem wachen Leben entzieht.

Am Ende verbindet Günderrode die Nacht mit Lethe, dem Fluß des Vergessens aus der griechischen Mythologie. Die ersehnte Ruhe bedeutet deshalb mehr als bloße Erholung. In ihr liegen die Hoffnung auf Befreiung vom Schmerz und die Möglichkeit, die Grenzen des gewöhnlichen Daseins zu überschreiten.

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Sophie Friederike Mereau

Paul Goodman Notizen eines neolithischen Konservativen

Paul Goodman (1911–1972)

US-amerikanischer Schriftsteller, Gesellschaftskritiker und Anarchist. Er verteidigte unmittelbare Lebenszusammenhänge gegen übermäßige Institutionalisierung und technokratische Planung.

Notes of a Neolithic Conservative · 1970

Goodman nennt sich einen „neolithischen Konservativen“, weil er elementare Lebensbedingungen bewahren möchte: eine bewohnbare Umwelt, unverstellte Beziehungen und die Möglichkeit, ohne übermäßige gesellschaftliche Lenkung aufzuwachsen. Seine Kritik richtet sich gegen die Vorstellung, wirtschaftliches Wachstum und technischer Fortschritt seien an sich schon Verbesserungen.

Bewahrenswert sind für ihn nicht überkommene Machtverhältnisse, sondern lebendige Bindungen und menschliche Selbständigkeit. Neuerungen sollen das Leben vereinfachen, statt immer größere Abhängigkeiten hervorzubringen. Goodman stellt damit sowohl den Fortschrittsglauben als auch einen Konservatismus in Frage, der lediglich bestehende Institutionen verteidigt. Seine Überlegungen kreisen um die Frage, welche Verhältnisse Menschen freier und gemeinschaftsfähiger machen.

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Giorgio AgambenManfred Fuhrmann

Arno Gruen Gehorsam und Kreativität

Arno Gruen (1923–2015)

Deutsch-schweizerischer Psychoanalytiker und Schriftsteller. Er untersuchte, wie Anpassung und Gehorsam Selbstwahrnehmung, Mitgefühl und Kreativität beeinträchtigen können.

Die Konsequenzen des Gehorsams für die Entwicklung von Identität und Kreativität · Vortrag vom 12. April 2003 im Rahmen der 53. Lindauer Psychotherapiewochen · redaktioneller Kurztitel

Gruen fragt, warum Menschen Autoritäten auch dann folgen, wenn sie dadurch ihre eigene Wahrnehmung und ihr Mitgefühl verleugnen. Anhand psychotherapeutischer Fallgeschichten und Untersuchungen zum Gehorsam beschreibt er eine Anpassung, die bereits in der Kindheit entstehen kann: Wer Angst vor Zurückweisung hat, lernt, die Erwartungen der Mächtigen für die eigenen zu halten. Aus dieser Identifikation kann ein Selbstbild erwachsen, das Unabhängigkeit behauptet, während es die eigenen Gefühle abwehrt.

Für Gruen berührt dieser Verlust unmittelbar die Entwicklung von Kreativität. Eine Erziehung, die auf Belohnung, Leistungsdruck und vorgegebene Antworten setzt, erschwert die Erfahrung, selbst zu entdecken und zu urteilen. An die Stelle schöpferischen Denkens tritt die Wiederholung des Erwarteten. Freiheit verlangt deshalb mehr als Wahlmöglichkeiten. Sie setzt das Vertrauen in die eigenen Wahrnehmungen, die Fähigkeit zu Mitgefühl und die Bereitschaft voraus, Unsicherheit auszuhalten.

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Joseph BeuysLászló Krasznahorkai

Manfred Fuhrmann Bildung ohne Inhalte?

Manfred Fuhrmann (1925–2005)

Deutscher Altphilologe und Bildungshistoriker. Er setzte sich mit der europäischen Bildungstradition und ihren Veränderungen in der Gegenwart auseinander.

Bildung ohne Inhalte? Bemerkungen zu einer verbreiteten Tendenz in der gegenwärtigen Diskussion · Vortrag vom 4. April 2002 auf dem Kongreß des Deutschen Altphilologenverbandes in Dresden · in: Forum Classicum, 45. Jahrgang, Heft 2/2002, S. 109–118. Der erste Abschnitt greift Fuhrmanns Überlegungen aus Bildung. Europas kulturelle Identität (Reclam, Stuttgart 2002) auf.

Fuhrmann beschreibt den Zerfall eines gemeinsamen europäischen Bildungskanons, in dem die christliche und die humanistische Überlieferung miteinander verbunden waren. Bildung bedeutete für ihn mehr als die Aneignung nützlicher Kenntnisse: Sie ermöglichte dem einzelnen, sich die kulturelle Vergangenheit in reflektierter Weise zu erschließen.

In der gegenwärtigen Bildungsdiskussion sieht er dagegen eine Verlagerung von Inhalten auf Kompetenzen, Qualifikationen und wirtschaftliche Verwertbarkeit. Mit einer bewußt zugespitzten Argumentation fragt er, was von Bildung bleibt, wenn der Gegenstand, an dem sie sich vollzieht, gleichgültig wird.

Sein Schluß ist nicht ausschließlich resignativ. Fuhrmann plädiert dafür, zweckfreies Lernen gegen seine Instrumentalisierung zu verteidigen, vorhandene Unterrichtsfächer inhaltlich zu vertiefen und einen Kern geschichtlicher Überlieferung zu bewahren – ohne sich gegenüber Neuem zu verschließen.

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Paul GoodmanGiorgio Agamben

Joseph Beuys Denken als plastischer Vorgang

Joseph Beuys (1921–1986) im Gespräch mit André Müller (1946–2011)

Deutscher Künstler und Kunsttheoretiker. Sein erweiterter Kunstbegriff bezieht Denken, Sprache und gesellschaftliche Gestaltung in das Schöpferische ein.

Interview mit Joseph Beuys · Mai 1980 · Redaktioneller Titel

Im Gespräch mit André Müller entwickelt Joseph Beuys seinen erweiterten Kunstbegriff. Nicht nur das Herstellen von Bildern und Plastiken, sondern auch das Denken, Sprechen und gemeinsame Handeln können für ihn schöpferische Vorgänge sein. Den Gedanken selbst begreift er als eine Form der Plastik: eine Kraft, die gesellschaftliche Verhältnisse in Bewegung setzen soll.

Müller stellt diesem Anspruch die Wirklichkeit des Kunstmarktes, die Verständnisschwierigkeiten des Publikums und die Frage nach der Wirksamkeit künstlerischer Arbeit entgegen. Auch Beuys’ Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg und sein Verständnis von Schuld und Verantwortung kommen zur Sprache.

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Friedrich SchillerArno Gruen

Paul Valéry Die Eroberung der Allgegenwart

Paul Valéry (1871–1945)

Französischer Dichter, Essayist und Denker. Er untersuchte den schöpferischen Geist und die Veränderungen der Kunst durch technische Medien.

La conquête de l’ubiquité · aus: De la musique avant toute chose, Éditions du Tambourinaire, 1928 (Datierung nach der verlinkten Ausgabe) · französischer Originaltext

Valéry beobachtet, daß die technischen Mittel seiner Zeit nicht nur die Verbreitung von Kunstwerken verändern. Sie könnten auch deren Hervorbringung und schließlich den Begriff der Kunst selbst verwandeln. Werke, die bislang an einen bestimmten Ort und Zeitpunkt gebunden waren, lassen sich übertragen und anderswo erneut sinnlich gegenwärtig machen.

Vor allem die Musik erscheint ihm als Vorreiterin. Sie kann über weite Entfernungen gleichzeitig gehört oder unabhängig von einer Aufführung jederzeit wiedergegeben werden. So gewinnt der Hörer die Freiheit, Zeitpunkt und Umgebung seiner Begegnung mit einem Werk selbst zu bestimmen. Valéry betrachtet diese Möglichkeit durchaus hoffnungsvoll: Sie kann die Erfahrung von Musik vertiefen und den Alltag bereichern. Zugleich bemerkt er die Gefahr, von Klängen überall und unablässig umgeben zu sein.

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Eugen Rosenstock-Huessy

Walter Benjamin Das optisch Unbewußte

Walter Benjamin (1892–1940)

Deutscher Philosoph, Literaturkritiker und Essayist. Seine Arbeiten verbinden Kunst, Geschichte und die Veränderungen menschlicher Wahrnehmung durch technische Reproduktion.

Kleine Geschichte der Photographie · erstmals in drei Folgen der Literarischen Welt vom 18. und 25. September sowie 2. Oktober 1931 · redaktioneller deutscher Titel

Benjamin untersucht die Photographie nicht bloß als technische Erfindung, sondern als eine neue Möglichkeit, Wirklichkeit wahrzunehmen. Die Kamera macht Erscheinungen sichtbar, die dem menschlichen Auge gewöhnlich entgehen. Vergrößerung und die Festhaltung flüchtiger Augenblicke erschließen eine verborgene Ordnung der sichtbaren Welt.

An frühen Porträtaufnahmen und den Photographien Eugène Atgets beschreibt Benjamin den Wandel des photographischen Bildes. Während die frühen Aufnahmen noch von einer eigentümlichen Ferne und Einmaligkeit geprägt sind, befreit Atget die Gegenstände von ihrer herkömmlichen Aura. Seine menschenleeren Stadtansichten lassen das Vertraute fremd erscheinen.

Zugleich fragt Benjamin nach dem Verhältnis von Bild und Sprache. Photographien verlangen nicht nur Betrachtung, sondern auch Deutung. Die Bildunterschrift kann sichtbar machen, was der bloße Anblick offenläßt.

Wilhelm von Humboldt Sprache als Tätigkeit

Wilhelm von Humboldt (1767–1835)

Deutscher Sprachforscher, Philosoph und Staatsmann. Er betrachtete Sprache als lebendige Tätigkeit und als Ausdruck menschlicher Weltauffassung.

Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluß auf die geistige Entwickelung des Menschengeschlechts · § 8: Form der Sprachen · postum erschienen 1836 · redaktioneller Titel

Humboldt widerspricht der Vorstellung, eine Sprache lasse sich als fertiger Vorrat von Wörtern und grammatischen Regeln erfassen. Schriftliche Zeugnisse bewahren sie nur unvollständig. Erst wenn sie gesprochen oder lesend vergegenwärtigt werden, gewinnt sie ihre Lebendigkeit zurück.

Deshalb unterscheidet Humboldt zwischen Werk und Tätigkeit. Sprache ist für ihn die fortwährende Arbeit des Geistes, durch welche Gedanken im artikulierten Laut Gestalt gewinnen. Sie dient nicht lediglich dazu, bereits fertige Vorstellungen mitzuteilen, sondern wirkt selbst an ihrer Bildung mit.

Auch die überlieferte Sprache bleibt dabei nicht unverändert. Jedes neue Sprechen greift auf etwas Vorhandenes zurück und gestaltet es zugleich um. Die Sprache lebt in diesem Zusammenspiel von geschichtlich gewordener Form und gegenwärtiger geistiger Tätigkeit.

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Eugen Rosenstock-Huessy Buch und Funk

Eugen Rosenstock-Huessy (1888–1973)

Deutsch-amerikanischer Sozialphilosoph und Historiker. Er untersuchte die gesellschaftsbildende Kraft von Sprache und lebendiger Rede.

Buch und Funk · in: Hundert Jahre Kohlhammer 1866–1966, Sonderdruck, W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1966

Rosenstock-Huessy fragt, ob Rundfunk und andere technische Medien der lebendigen Rede zu neuer Geltung verhelfen. Er bezweifelt, daß die Übertragung einer Stimme schon Mündlichkeit bedeutet: Auch eine Rundfunksendung kann bloß vorgetragene Schrift sein. Von einer eigenen Tonaufnahme berichtet er, wie unvorstellbar den Technikern ein Sprecher erschien, der ohne Manuskript vor das Mikrophon trat.

Wirkliches Sprechen entsteht für ihn nicht durch die einseitige Mitteilung fertiger Gedanken. Es wird durch einen anderen Menschen hervorgerufen, der zuhört, widerspricht oder antwortet. Sprache gewinnt ihre Kraft aus dieser Beteiligung des ganzen Menschen, nicht allein aus dem Verstand.

Auch die Muttersprache lebt für Rosenstock-Huessy nicht in nationaler Abgeschlossenheit. Die Sprachen verändern und erneuern sich durch gegenseitige Anrede. Buch und Funk bleiben technische Mittel; ob Worte Menschen erreichen und miteinander verbinden, entscheidet sich im Sprechen selbst.

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Paul Valéry

Hans G Helms Mehrwert der Kunst

Hans G Helms (1932–2012)

Deutscher Schriftsteller, Komponist und Gesellschaftskritiker. Seine Arbeiten untersuchen Musik, Medien und deren ökonomische Bedingungen.

Mehrwert der Kunst · FORVM, Nr. 207/I/II, Februar 1971 · vollständiger Originaltext

Helms untersucht die materiellen und gesellschaftlichen Bedingungen musikalischen Schaffens. Honorare, Tantiemen, Hochschulen, Rundfunkanstalten und Verlage sind für ihn keine neutralen Rahmenbedingungen. Sie beeinflussen, welche Werke entstehen, aufgeführt und verbreitet werden.

Ausgehend von der Geschichte musikalischer Produktion betrachtet er die Arbeitsteilung im Orchester, die Entwicklung der elektronischen Musik und die Abhängigkeit der Komponisten von Institutionen. Technische Neuerungen bedeuten für ihn keineswegs notwendig gesellschaftlichen Fortschritt.

Seine Kritik richtet sich gegen die Vorstellung vom unabhängig schaffenden Künstler. Gerade kleinere Ensembles eröffnen nach seiner Auffassung Möglichkeiten gemeinschaftlicher Arbeit, doch auch sie bleiben ökonomischen Zwängen ausgesetzt. Helms fragt damit, unter welchen Bedingungen sich eine selbstbestimmte künstlerische Praxis verwirklichen läßt.

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Paul ValéryJoseph Beuys

Pascal Quignard Die Unzulänglichkeit der Sprache

Pascal Quignard (* 1948)

Französischer Schriftsteller und Essayist. Sein Werk bewegt sich zwischen Erzählung, Musik, Erinnerung und der Frage, was der Sprache vorausgeht oder sich ihr entzieht.

Islandtief · in: Der Name auf der Zungenspitze, S. 6–13 · deutsche Übersetzung von Holger Fock und Sabine Müller · „Die Unzulänglichkeit der Sprache“: redaktioneller Titel

Während eines Abendessens bei der Komponistin Michèle Reverdy versuchen die Gäste, darunter Pierre Boulez und Pascal Quignard, einen Block Eis zu zerteilen. Der beiläufige Vorfall begleitet ein Gespräch über ein musikalisches Märchen, das Reverdy komponieren soll. Quignard entwickelt dessen Geschichte aus der Erfahrung, daß die Sprache dem Menschen nicht jederzeit zur Verfügung steht.

Diese Unzulänglichkeit verbindet Quignard mit der Kindheit, dem Schreiben und der Musik. Der Mensch lebt zunächst ohne Sprache, und selbst später bleiben ihm Worte versagt. Für den Schriftsteller ist die Sprache nicht einfach ein Vorrat, auf den er jederzeit zurückgreifen könnte. Er sucht nach Worten, die sich im Augenblick des Schreibens entziehen.

Quignard beschreibt auch die gemeinsame Arbeit mit Reverdy. Sie verändern Text und musikalische Anlage, um die Abfolge der Pausen weniger vorhersehbar zu machen und die Wirkung der allein zurückbleibenden Stimme zu verstärken. Die Stille wird so zu einem Bestandteil der Gestaltung, nicht bloß zu einer Lücke zwischen gesprochenen Worten.

Das Bild des Messers über dem ausweichenden Eisblock kehrt als Beschreibung des Schreibenden wieder: Er versucht, etwas zu fassen, das sich seiner Verfügung entzieht. Aus dem Mißlingen des unmittelbaren Zugriffs entwickelt Quignard eine Vorstellung künstlerischer Arbeit, in der die Suche selbst die Form hervorbringt.

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Zeit und Erinnerung

Marguerite Duras

Murasaki Shikibu Die Wahrheit der Erzählung

紫式部 [Murasaki Shikibu] (um 973–um 1014)

Japanische Schriftstellerin und Hofdame der Heian-Zeit. Ihr Genji monogatari erzählt vom höfischen Leben und von Liebe, Erinnerung und Vergänglichkeit.

源氏物語 [Genji monogatari], Die Geschichte vom Prinzen Genji, Kapitel 25: 蛍 [Hotaru, Die Glühwürmchen] · Anfang des 11. Jahrhunderts · „Die Wahrheit der Erzählung“: redaktioneller Titel

Im Kapitel Die Glühwürmchen begegnet Genji der jungen Tamakazura, die sich in die Lektüre erfundener Geschichten vertieft hat. Zunächst verspottet er die Erzählungen als Täuschungen, denen vor allem Frauen Glauben schenkten. Doch er erkennt zugleich, daß gerade die erfundenen Geschichten starke Gefühle hervorrufen und Erfahrungen wachrufen, die den Lesern vertraut erscheinen.

Im Gespräch entwickelt Genji eine andere Auffassung vom Erzählen. Geschichtliche Aufzeichnungen halten nur einen Teil dessen fest, was sich in der Welt ereignet. Dagegen bewahrt die Dichtung auch scheinbar nebensächliche menschliche Begebenheiten, Wünsche, Leiden und Entscheidungen. Ihre Figuren müssen nicht wirklich gelebt haben, damit die Erfahrungen, die sie darstellen, wahrhaftig sein können.

Genjis Verteidigung der Erzählung bleibt jedoch nicht außerhalb der Handlung. Er selbst steht in einem widersprüchlichen Verhältnis zu Tamakazura und verwendet seine Worte auch, um sie für sich einzunehmen. So führt der Roman die Möglichkeit einer Wahrheit in der Fiktion vor, ohne die Täuschung und die Macht des Erzählenden auszublenden.

Indem Murasaki Shikibu ihre Figuren über den Wert erfundener Geschichten sprechen läßt, macht sie das eigene Werk zum Gegenstand des Nachdenkens. Die Wahrheit der Erzählung erschöpft sich weder in der Übereinstimmung mit historischen Tatsachen noch in einer bloßen moralischen Lehre; sie wird in der Beziehung zwischen erfundener Gestalt und menschlicher Erfahrung verhandelt.

Wahlverwandtschaften

Sprache und Schweigen

Giovanni BoccaccioPascal Quignard

Aufmerksamkeit und Muße

Sei Shōnagon

Sei Shōnagon Frühling ist die Morgendämmerung

清少納言 [Sei Shōnagon] (um 966–um 1025)

Japanische Hofdame und Schriftstellerin der Heian-Zeit. Ihr Kopfkissenbuch versammelt Beobachtungen, Listen und Augenblicke des höfischen Alltags.

枕草子 [Makura no sōshi] · Kopfkissenbuch, erster Abschnitt (春はあけぼの [Haru wa akebono]) · um 1000 · japanischer Originaltext · deutscher Titel redaktionell

Sei Shōnagon beschreibt die vier Jahreszeiten durch jene Augenblicke, in denen ihre besondere Schönheit hervortritt: den Frühling in der Morgendämmerung, den Sommer in der Nacht, den Herbst am Abend und den Winter am frühen Morgen.

Ihre Wahrnehmung richtet sich auf flüchtige Erscheinungen. Violett gefärbte Wolken ziehen über den hell werdenden Himmel, Glühwürmchen durchqueren die Dunkelheit, Krähen fliegen zu ihren Schlafplätzen. Im Winter gehören das Entfachen des Feuers und das Tragen glühender Kohlen ebenso zum Bild wie Schnee und Frost.

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Aufmerksamkeit und Muße

SaigyōZhuangziOscar BenlBéla HamvasMurasaki Shikibu

Saigyō Der Herbstabend

西行 [Saigyō] (1118–1190)

Japanischer buddhistischer Mönch und Dichter. Seine Wanderungen und Waka-Gedichte verbinden Naturwahrnehmung, Vergänglichkeit und den Wunsch nach Loslösung.

心なき身にもあはれは知られけり鴫立つ沢の秋の夕暮れ
Kokoro naki mi ni mo aware wa shirarekeri … · 12. Jahrhundert

Ein auffliegender Vogel über einem Sumpf, die Dämmerung eines Herbstabends: Saigyō hält eine flüchtige Wahrnehmung fest, in der sich Wehmut und Schönheit nicht voneinander trennen lassen. Der Sprecher, der sich von weltlichen Bindungen lösen wollte, erfährt, daß ihn die Erscheinung dennoch berührt.

Wahlverwandtschaften

Aufmerksamkeit und Muße

Sei ShōnagonZhuangziOscar BenlBéla Hamvas

Ingmar Bergman Das siebte Siegel

Ingmar Bergman (1918–2007)

Schwedischer Film- und Theaterregisseur. Sein Werk beschäftigt sich mit Glauben, Tod, Schweigen und den widersprüchlichen Beziehungen zwischen Menschen.

Det sjunde inseglet · Spielfilm, Schweden 1957 · Schwarzweiß, 96 Minuten · Regie und Drehbuch: Ingmar Bergman · Kamera: Gunnar Fischer

Im von der Pest heimgesuchten Schweden des 14. Jahrhunderts kehrt der Ritter Antonius Block von den Kreuzzügen zurück. Am Strand begegnet er dem Tod und gewinnt durch eine Partie Schach Zeit. Er sucht nach einer Gewißheit über Gott und nach einer Tat, die seinem Leben Sinn geben könnte. Sein Knappe Jöns begegnet den Fragen des Glaubens dagegen mit Spott und nüchternem Blick.

Bergman stellt der Todesangst, dem religiösen Zweifel und der menschlichen Grausamkeit die fahrenden Schauspieler Jof und Mia gegenüber. In ihrer Verbundenheit scheint eine andere Haltung zum Leben auf: gegenwärtig, sinnlich und ohne den Anspruch auf letzte Gewißheit. Der Film entfaltet seine Fragen in Bildern, die von der mittelalterlichen Kunst angeregt sind – vom Schachspiel mit dem Tod bis zum abschließenden Totentanz.

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Film und Wahrnehmung

Béla Tarr

Josef Pieper Muße und Kult

Josef Pieper (1904–1997)

Deutscher Philosoph und Vertreter einer christlich geprägten Anthropologie. Er verteidigte die Muße als eigenständige Form geistiger Offenheit.

Muße und Kult · München: Kösel-Verlag, 1948 · Auszug in: Kulturphilosophische Schriften, Werke, Band 6, Felix Meiner Verlag, Hamburg 1999

Josef Pieper fragt, was aus dem Menschen wird, wenn jede Tätigkeit durch Leistung und Brauchbarkeit gerechtfertigt werden muß. Muße ist für ihn weder Müßiggang noch bloße Erholung, die auf die nächste Arbeitsleistung vorbereitet. Er versteht sie als innere Haltung: ein schweigendes, empfangendes Sichöffnen für eine Wirklichkeit, die nicht erst durch menschliches Zutun ihren Wert erhält.

Damit verteidigt Pieper auch die Freiheit des Denkens. Erkenntnis erschöpft sich nicht in methodischer Anstrengung; ihr kann etwas zuteil werden, das sich nicht erzwingen läßt. Philosophie und Kunst verlieren ihren eigenen Sinn, wenn sie nur nach ihrem Nutzen beurteilt werden.

Pieper verbindet diese Freiheit mit dem Fest und schließlich mit dem Kult. Im Gottesdienst erkennt er einen Bereich, der dem Zugriff der Arbeitswelt entzogen bleibt. Muße erscheint so nicht als Gegensatz zur notwendigen Arbeit, sondern als deren Grenze und als Voraussetzung einer Kultur, die mehr ist als Funktion.

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Aufmerksamkeit und Muße

Simone WeilSei ShōnagonSaigyōZhuangzi

Giorgio Agamben Neolithischer Konservativer

Giorgio Agamben (* 1942)

Italienischer Philosoph und Essayist. Er untersucht das Verhältnis von Tradition, geschichtlichem Wandel und den Lebensformen der Gegenwart.

Conservatore neolitico · 30. Oktober 2026

Ausgehend von Paul Goodmans Selbstbezeichnung als „neolithischer Konservativer“ und Ivan Illichs Verhältnis zur katholischen Tradition untersucht Agamben die Voraussetzungen geschichtlichen Bewußtseins.

Um die eigene Gegenwart verstehen und gegebenenfalls verändern zu können, bedarf es eines Standpunktes, der über sie hinausreicht. Der Mensch muß gleichsam mit einem Fuß in der Vorgeschichte stehen. Erst aus dem Verhältnis unterschiedlicher geschichtlicher Zeiten wird die Gegenwart erkennbar.

Agamben sieht dieses Verhältnis heute weitgehend verloren. Eine Gegenwart, die ihre Vergangenheit nicht mehr begreift, vermag auch ihre Zukunft nicht frei zu denken. Was sie für Zukunft hält, bleibt die unerkannte Fortsetzung ihrer eigenen Geschichte.

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Weitere Nachbarschaften

Paul GoodmanManfred Fuhrmann

Hildegard von BingenDie Grünkraft

Hildegard von Bingen (1098–1179)

Benediktinerin, Äbtissin, Komponistin und Verfasserin theologischer und naturkundlicher Schriften. Ihr Werk verbindet visionäre Bilder, die Betrachtung der Schöpfung und geistliche Musik.

O viridissima virga · Mariengesang aus Symphonia harmoniae caelestium revelationum · 12. Jahrhundert (genaues Entstehungsjahr unbekannt) · lateinischer Originaltext · deutsche Übersetzung von Hildegard Gosebrink

Hildegard besingt ein grünendes Reis, das in der Wärme der Sonne Blüten hervorbringt. Aus dem Duft der Blume erwachen die vertrockneten Gewürze zu neuem Leben; Tau fällt auf das Gras, die Erde trägt Korn, und Vögel finden einen Ort für ihre Nester. Licht, Feuchtigkeit, Duft und Wachstum verbinden sich zu einem Bild der lebendigen Schöpfung.

Der Gesang richtet sich an Maria. Das grünende Reis ist kein bloßes Naturbild: In der Fruchtbarkeit der Pflanze erscheint die christliche Vorstellung der Menschwerdung. Am Ende wird Maria Eva gegenübergestellt. Was in der Schöpfung verdorrt und verlorengegangen ist, kann wieder zur Blüte kommen.

Das lateinische Wort viriditas, häufig mit „Grünkraft“ wiedergegeben, bezeichnet bei Hildegard mehr als eine Farbe oder den botanischen Vorgang des Wachstums. In ihm wird eine Kraft gedacht, durch die das Geschaffene lebendig bleibt und sich erneuert. Der sinnlich wahrnehmbare Vorgang des Grünens verweist über sich hinaus, ohne seine Gegenständlichkeit zu verlieren.

Hildegard hat diese Bilder nicht als Lehrsatz formuliert, sondern als Gesang. Wort und Melodie gehören zusammen.

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Meister EckhartDie innere Armut

Meister Eckhart (um 1260–1328)

Dominikaner, Philosoph, Theologe und Prediger. Er lehrte unter anderem in Paris und wirkte als Prior in Erfurt. Seine lateinischen Schriften und deutschsprachigen Predigten gehören zu den bedeutenden Zeugnissen der mittelalterlichen Mystik.

Beati pauperes spiritu [Selig sind die Armen im Geiste] · Deutsche Predigt 52, nach der Zählung von Josef Quint (DW II) · Anfang des 14. Jahrhunderts, genaues Predigtdatum unbekannt · neuhochdeutsche Textfassung · „Die innere Armut“: redaktioneller Titel

Ausgehend von der Seligpreisung der Armen im Geiste unterscheidet Eckhart zwischen äußerer und innerer Armut. Der Verzicht auf Besitz kann eine Übung sein, doch seine Predigt richtet sich auf etwas, das tiefer liegt: auf die Art, wie der Mensch sich selbst, seinen Willen und seine Erkenntnis festhält.

Eckhart beschreibt diese Armut in drei Schritten: nichts wollen, nichts wissen und nichts haben. Das „Nichts-Wollen“ verlangt nicht nur die Aufgabe eigener Wünsche. Selbst der Wunsch, Gottes Willen erfüllen zu wollen, kann nach Eckhart noch ein Festhalten am eigenen Wollen sein. Ähnlich meint das „Nichts-Wissen“ keine Geringschätzung der Erkenntnis, sondern ein Freiwerden von dem Anspruch, das Göttliche als Gegenstand des eigenen Wissens besitzen zu können.

Am weitesten führt die dritte Forderung. Der Mensch soll nicht einmal einen inneren Ort für sich beanspruchen, an dem Gott wirken könnte. Damit läßt Eckhart die vertraute Gegenüberstellung von einem handelnden Ich und einem göttlichen Gegenüber fragwürdig werden. Seine Sprache stößt an die Grenzen dessen, was sie sagen kann, und greift deshalb zu paradoxen Formulierungen.

Die Predigt entwirft keine allgemeine Lehre des bloßen Verzichts. Sie gehört zu Eckharts christlicher Theologie und fragt nach einer Freiheit, in der die Hinwendung zu Gott nicht mehr durch Selbstbehauptung bestimmt ist. Gerade indem der Mensch nichts festhalten will, soll sich ihm ein Grund erschließen, der sich weder herstellen noch besitzen läßt.

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Aufmerksamkeit und Muße

Simone WeilDaisetz Teitarō Suzuki

Menachem Mendel SchneersonDas verborgene Wesen

Rabbi Menachem Mendel Schneerson (1902–1994)

Jüdischer Gelehrter und siebter Rebbe der chassidischen Chabad-Lubawitsch-Bewegung. Er lebte und wirkte in New York; seine Briefe und Ansprachen verbinden Auslegungen der Tora mit Fragen des menschlichen Handelns und der geistigen Erfahrung.

Brief an einen namentlich nicht genannten Künstler · 24. Adar II 5711 / 1. April 1951 · Brief Nr. 956, Igrot Kodesh, Bd. IV, S. 222–224 · vollständig zugängliche englische Übersetzung von Eli Touger · „Das verborgene Wesen“: redaktioneller Titel

Im Frühjahr 1951 schreibt Menachem Mendel Schneerson an einen Künstler, der eine Ausstellung vorbereitet und zugleich von Niedergeschlagenheit und Verzweiflung berichtet. Schneerson greift dessen künstlerische Arbeit auf, um den Blick auf die eigene Lebenssituation zu verändern.

Die besondere Fähigkeit des Malers liegt für ihn darin, sich nicht mit der äußeren Gestalt eines Gegenstandes zu begnügen. Er vermag etwas von dessen innerem Wesen zu erkennen und im Bild sichtbar zu machen. Der Betrachter begegnet dem Vertrauten dadurch in einem anderen Licht; was zuvor unter nebensächlichen Erscheinungen verborgen war, tritt hervor.

Schneerson versteht dies als Gleichnis einer religiösen Aufgabe. Nach der chassidischen Lehre wird die Schöpfung in jedem Augenblick durch das göttliche Wort getragen. Die sichtbare Gestalt der Dinge verdeckt diesen Ursprung. Wie der Künstler das Wesentliche in seinem Gegenstand freilegt, soll der Mensch nach Schneerson im alltäglichen Leben die verborgene göttliche Gegenwart erkennen und durch sein Handeln zur Geltung bringen.

Der Brief kehrt schließlich zum Angesprochenen zurück: Seine Schwierigkeiten sollen nicht das letzte Urteil über das eigene Leben bestimmen. Schneerson ruft ihn auf, seine Fähigkeiten weiter zu gebrauchen.

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Jacob BöhmeDer Baum der Welt

Jacob Böhme (1575–1624)

Deutscher Mystiker und philosophischer Schriftsteller, von Beruf Schuhmacher in Görlitz. Seine Schriften verbinden religiöse Erfahrung mit einer eigenwilligen Bildsprache über Natur, Gegensätze und göttliche Offenbarung.

Aurora oder Morgenröte im Aufgang · 1612 verfaßt · Vorrede des Autors, insbesondere Abschnitte 1–17 · Text nach dem Druck von 1730 · redaktioneller Beitragstitel

Jacob Böhme beginnt seine Morgenröte im Aufgang nicht mit einer Definition, sondern mit einem Baum. Philosophie, Astrologie und Theologie vergleicht er mit dessen Wuchs in einem Lustgarten. Die Erde gibt ihm Saft, die Äste breiten sich aus, Früchte reifen oder verderben unter Frost und Hitze. Das Bild entfaltet sich über mehrere Abschnitte, bevor Böhme erklärt, was er darin sieht.

Der Garten bedeutet ihm die Welt, die Erde die Natur, der Stamm die Sterne, die Äste die Elemente, die Früchte die Menschen. Der Saft, der den Baum durchzieht, steht für die göttliche Gegenwart. Die natürliche Erscheinung ist für Böhme damit nicht nur Gegenstand der Betrachtung: Er liest an ihr die Verflechtung von Mensch, Natur und Gott ab.

Doch der Baum ist keineswegs das Bild einer widerspruchslosen Harmonie. In ihm wirken, nach Böhmes religiöser Vorstellung, gute und böse Kräfte gegeneinander. Dieselbe Spannung findet er im Menschen wieder. Seine Begriffe der süßen und grimmigen „Qualität“ gehören zu einer eigenständigen Natur- und Gotteslehre, nicht zu einer naturwissenschaftlichen Erklärung.

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Angelus Silesius Ohne Warum

Angelus Silesius (Johannes Scheffler, 1624–1677)

Unter dem Namen Johannes Scheffler in Breslau geborener Arzt, Theologe und Dichter der christlichen Mystik. Nach seinem Übertritt zum Katholizismus verwendete er den Namen Angelus Silesius. Bekannt wurde er vor allem durch seine meist zweizeiligen mystischen Sinnsprüche.

Der Cherubinische Wandersmann, Erstes Buch, Nr. 285: Das erkennende muß das erkannte werden, und Nr. 289: Ohne warumb · erstmals 1657 als Geistreiche Sinn- und Schlussreime, erweiterte Ausgabe unter dem Titel Cherubinischer Wandersmann 1675 · „Ohne Warum“: redaktionell modernisierte Überschrift

In seinem Cherubinischen Wandersmann verdichtet Angelus Silesius die christliche Mystik zu kurzen, häufig paradoxen Sinnsprüchen. Der bekannte Vers von der Rose lautet: „Die Ros' ist ohn warumb / sie blühet weil sie blühet / Sie achtt nicht jhrer selbst / fragt nicht ob man sie sihet.“ (I, 289). Das Blühen der Rose erscheint als ein Dasein, das keiner äußeren Rechtfertigung und keines Betrachters bedarf.

Das „Ohne Warum“ bestreitet nicht, daß Naturerscheinungen Ursachen haben. Es stellt vielmehr eine mystische Haltung vor Augen, in der das Handeln nicht länger von Berechnung, Eigennutz und dem Verlangen nach Anerkennung bestimmt wird. Der Mensch soll, wie die Rose, nicht unablässig nach dem Zweck seines Daseins fragen.

Wenige Sinnsprüche zuvor schreibt Silesius unter der Überschrift Das erkennende muß das erkannte werden: „Jn GOtt wird nichts erkandt: Er ist ein Einig Ein. / Was man in Jhm erkennt / das muß man selber seyn.“ (I, 285). Gotteserkenntnis wird hier nicht als bloßes Wissen über einen Gegenstand verstanden. Sie verlangt eine Wandlung des Erkennenden selbst.

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Sprache und Schweigen

Dschalal ad-Din Rumi

Dschalal ad-Din Rumi Die Klage der Rohrflöte

مولانا جلال‌الدین محمد بلخی [Dschalal ad-Din Muhammad Balchi] (1207–1273)

Persischsprachiger Dichter, islamischer Gelehrter und Mystiker des Sufismus. Rumi wirkte in Konya. In seinem umfangreichen Lehrgedicht Masnawī verbindet er Erzählungen, Gleichnisse und dichterische Betrachtungen über Liebe, Erkenntnis und die Beziehung des Menschen zu Gott.

Masnawī-yi Ma'nawī (مثنوی معنوی), Erstes Buch, Anfang, Verse 1–34 · 13. Jahrhundert · deutsche Versübersetzung von Otto Höschle · Die Klage der Rohrflöte: Überschrift des veröffentlichten Textauszugs

Am Anfang seines Masnawī läßt Rumi eine Rohrflöte von der Trennung aus dem Schilf erzählen. Seit man sie aus dem Röhricht geschnitten hat, erhebt sie ihre Stimme und klagt über den Verlust ihres Ursprungs. Wer fern von dem lebt, woraus er hervorgegangen ist, sehnt sich nach der früheren Verbundenheit.

Die Klage wird zu einem Bild für die menschliche Sehnsucht nach einer verlorenen Nähe. Im Zusammenhang der islamischen Mystik verweist sie auf das Verhältnis zwischen dem Menschen und seinem göttlichen Ursprung. Liebe ist dabei nicht nur Erinnerung an etwas Verlorenes: Sie wird zu einer Kraft, die den Menschen aus seiner Vereinzelung hinausführt.

Rumi läßt die Flöte jedoch nicht bei der Klage stehen. Er spricht von der Liebe als Feuer, von der Unzulänglichkeit des Hörens und Sehens und davon, daß der Mensch die verborgene Bedeutung einer Stimme oft nicht erkennt. Der Klang besitzt ein Geheimnis, das sich dem bloßen Zuhören nicht von selbst erschließt.

Das Bild der Flöte verbindet Trennung und Ausdruck. Ihre Stimme entsteht durch eine Verwandlung des Schilfrohrs; im Klang wird die Abwesenheit seines ursprünglichen Ortes gegenwärtig. Damit wird aus einer sinnlich erfahrbaren Erscheinung eine Dichtung über Verlust, Erkenntnis und die Bewegung der Liebe.

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Bild und Wirklichkeit

Angelus Silesius

Sprache und Schweigen

Pascal Quignard

Aufmerksamkeit und Muße

Simone Weil

Arthur Koestler Das ideologische Gerüst

Arthur Koestler (1905–1983)

Ungarisch-britischer Schriftsteller und Journalist. Seine Romane und Essays untersuchen Ideologien, Gewissen und die Widersprüche des politischen Handelns.

Das ideologische Gerüst · gekürzte Fassung des Vortrags Literatur und Ideologie bei den XIII. Internationalen Hochschulwochen in Alpbach · FORVM, Nr. 45, September 1957, ab S. 329

Koestler unterscheidet zwei Ebenen menschlicher Existenz: das alltägliche, greifbare Leben und eine außerordentliche, von Gefahr, Ekstase oder existentieller Erfahrung bestimmte Wirklichkeit. Der Künstler, besonders der Schriftsteller, bewegt sich an der Schnittlinie beider Ebenen. Sein Vermögen besteht darin, das Alltägliche im Licht des Zeitlosen zu sehen und umgekehrt dem Ungemeinen eine Gestalt innerhalb des gewöhnlichen Lebens zu geben.

Jedes Kunstwerk beruht für Koestler auf einem geistigen Bezugssystem, das er in einem erweiterten Sinn „Ideologie“ nennt. An der Jona-Erzählung und an Shakespeare zeigt er, wie solche Vorstellungen die Struktur einer Dichtung prägen, auch wenn sie unausgesprochen bleiben. Gegen die Kunst als politische Propaganda setzt er ebenso Einspruch wie gegen eine Literatur, die sich der eigenen Gegenwart entzieht. Dichtung soll die Widersprüche des Daseins erkennbar machen, nicht fertige Lösungen verkünden.

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Carl Gustav JungNikolai Berdjajew

Béla Tarr Seid radikal! Habt Mut!

Béla Tarr (1955–2026) im Gespräch mit Ralf Schenk

Ungarischer Filmregisseur. Seine langen Einstellungen und streng komponierten Schwarzweißbilder untersuchen Zeit, Wiederholung und den Zerfall menschlicher Ordnungen. An mehreren Drehbüchern arbeitete er mit László Krasznahorkai.

Seid radikal! Habt Mut! · Gespräch mit Ralf Schenk · FILM-DIENST 6/2012, erstmals veröffentlicht am 17. März 2012 · online erneut veröffentlicht am 12. Januar 2026

Ausgehend von seinem Film Das Turiner Pferd beschreibt Béla Tarr das allmähliche Verschwinden der Lebenskräfte. Die sechs Tage des Films versteht er als Umkehrung der Schöpfung: Nicht eine spektakuläre Katastrophe, sondern Wiederholung, Erschöpfung und schließlich Stille kennzeichnen das Ende. Dem Vorwurf des Pessimismus hält er entgegen, daß die Konfrontation mit der Vergänglichkeit Kraft geben könne.

Im Gespräch mit Ralf Schenk spricht Tarr über die Bedingungen seiner Arbeit. Lange Einstellungen entstehen aus genauer Beobachtung von Menschen, Räumen und Bewegungen; die Darsteller sollen keine künstlichen Gefühle erzeugen. Entscheidend ist das Vertrauen zu seinen Mitarbeitern, darunter Kameramann Fred Kelemen und Komponist Mihály Vig, dessen Musik bereits vor Drehbeginn vorliegt. Tarr verteidigt das analoge Filmmaterial, ohne digitale Bilder grundsätzlich abzulehnen; für sie müsse eine eigene Sprache gefunden werden. Jungen Filmemachern empfiehlt er, sich von fremden Erwartungen zu lösen und den Mut zur eigenen Form aufzubringen.

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Lord Byron

Nikolai Berdjajew Schaffen und Freiheit

Николай Александрович Бердяев [Nikolai Berdjajew] (1874–1948)

Russischer Religionsphilosoph. Er stellte Freiheit und schöpferische Tätigkeit in den Mittelpunkt seines Denkens.

Смысл творчества (Der Sinn des Schaffens), Kapitel VI · 1916

Berdjajew unterscheidet die Fortentwicklung des bereits Gegebenen vom schöpferischen Akt. Während sich Veränderungen innerhalb einer Kette von Ursachen erklären lassen, kann das wirklich Neue für ihn nicht vollständig aus vorausgehenden Bedingungen abgeleitet werden. Schaffen setzt Freiheit voraus.

Mit dem Gedanken eines Schaffens „aus nichts“ meint er nicht, daß ein Werk ohne Stoff oder Widerstand entstünde. Er bezeichnet damit den nicht erzwingbaren Ursprung des Neuen. Freiheit ist dabei mehr als Willkür oder die Abwesenheit von Zwängen: Sie ist eine positive geistige Kraft, die auf Gestaltung gerichtet ist. Das Schöpferische bleibt für Berdjajew deshalb ein Geheimnis, das durch seine Erklärung als bloßer Vorgang der Notwendigkeit verfehlt würde.

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Carl Gustav JungArthur Koestler

Wolf Otto Pfeiffer Bigger than Life

Wolf Otto Pfeiffer (* 1953)

Deutscher Filmtheoretiker und Autor. In Bigger than Life entwickelt er eine Poetologie des Films, die über sichtbare Handlung hinausfragt.

Bigger than Life. Grundzüge einer Poetologie des Films · FILMGEIST Verlag, Berlin 2017 · 93 numerierte Seiten

Pfeiffer versteht Filmkunst als eine Form geistiger Erfahrung. Gegen eine Dramaturgie, die sich nach seiner Auffassung auf sichtbare Abläufe und deren Verknüpfung beschränkt, setzt er eine Poetologie des Unsichtbaren: Entscheidend sei nicht allein, was auf der Leinwand geschieht, sondern was das Erzählen im Zuschauer hervorbringt.

Ausgehend von Platons Ideenlehre unterscheidet Pfeiffer zwischen der sinnlich wahrnehmbaren Erscheinung und dem geistigen Gehalt. Kunst entsteht für ihn nicht durch Nachahmung, sondern durch die absichtsvolle Neubildung der Wirklichkeit mit den Mitteln der Form. In der Erzählkunst sind es vor allem zeitliche Prozesse und Handlungen, die diese Gestaltung tragen. Eine Geschichte soll eine Idee nicht nur darstellen, sondern zur Erkenntnis oder – im „magischen“ Erzählen – zur Erfahrung bringen.

Dazu eröffnet der Film Lücken und Bedeutungsschichten, die der Zuschauer durch eigene geistige Tätigkeit verbindet. Aus der äußeren Handlung entwickelt sich ein inneres Geschehen. Pfeiffers „Heldenreise“ betrifft daher nicht allein die Filmfigur, sondern den Zuschauer selbst, dessen vertraute Weltsicht sich durch das Erlebte verändern kann.

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