Unscharf
Ein Kurzsichtiger verzichtet auf die Brille und läßt die Welt auf Abstand treten.
Werkangaben
- Text
- Andreas Brehmer
- Gattung
- Prosaminiatur
- Ursprung
- 16. Februar 2010
- Bearbeitung
- 20. August 2026
Text
… kurzsichtig:
daß er keine Brille trägt, hat nichts mit seiner Eitelkeit zu tun.
Trifft er jemanden im Treppenhaus, so grüßt er freundlich.
Es können nur Nachbarn sein, die seinen Gruß erwidern, und dazu braucht er keine Brille.
Im Haus findet er sich auch im Dunkeln zurecht.
Er weiß, wie viele Stufen es bis zum ersten Absatz sind und auch wo das Geländer ist.
Nur wenn etwas im Weg steht, stößt er dagegen.
Das kommt eher selten vor.
… auf der Straße geht er zumeist dieselben Wege.
Den Bäcker erkennt er an der gestreiften Markise.
Die Apotheke an dem roten A in Fraktur, auch wenn er nicht lesen kann, was darunter steht.
An der Haltestelle wartet er, bis der Bus nahe genug ist.
Manchmal läßt er einen vorbeifahren.
Er hat Zeit.
Seine Brille trägt er bei sich.
In einem schwarzen Etui, in der Innentasche seines Mantels.
Wenn er einen Brief bekommt, setzt er sie auf.
Auch beim Geldautomaten.
Danach nimmt er sie wieder ab.
Einmal fragt ihn eine Frau, ob ihm das nicht unangenehm sei.
Daß er die Menschen nicht erkenne.
Er sagt, meistens erkenne er sie an der Stimme.
Oder daran, wo sie ihm begegnen.
Der Hausmeister steht oft im Hof.
Er riecht nach Zigaretten.
Die Frau im zweiten Stock geht am Nachmittag mit einem kleinen Hund hinaus.
Sie trägt Parfüm.
Der Mann von gegenüber trägt einen Hut.
Mehr muß er nicht wissen.
…manchmal bleibt er an einer Straßenecke stehen, ehe er weitergeht.
Nicht weil er sich verirrt hätte.
Er wartet nur einen Augenblick.
Und blickt.
Die Häuser auf der anderen Seite sind farbige Flächen.
Die Menschen kommen näher und werden wieder Menschen.
Gehen sie weiter, sind sie wieder Flecken.
Er sieht ihnen nicht nach.
Wenn man ihn fragt, warum er seine Brille nicht mehr trägt, so antwortet er:
„Ich möchte die Welt verschwinden sehen.“