Andreas Brehmer

Novelle

Unbunt

Ein verlassenes Haus wird zum Ort einer Rückkehr, in der Vertrautes fremd zu werden beginnt.

Werkangaben

Text
Andreas Brehmer
Gattung
Novelle
Ursprung
2009
Fassung
2026
Stand
18. August 2026

Aus der Novelle

Plötzlich war er verschwunden.

Von irgendwo flüstert Musik.

Nur wenige Töne, die der Regen fortträgt. Dann ein Gurgeln in den Rinnen, das Klöppeln der Tropfen auf Blech, Autoreifen, die durch die Pfützen schneiden.

Ein Wagen fährt vorbei.

Das Geräusch entfernt sich.

Wieder Stille.

Im vernieselten Licht der Straßenlaterne dampfen Gräser und Büsche. Das Licht ist grell und naß, beinahe körperlich. Es liegt auf den Blättern, dem Kies, den bemoosten Platten vor dem Haus.

Die Fensterläden stehen einen Spalt offen.

Fast wie verriegelt.

Er bleibt auf der anderen Straßenseite stehen.

Wasser läuft ihm aus den Haaren übers Gesicht und tropft vom Mantel. Er hebt den Kopf und sieht zu den Fenstern.

Nichts.

Dann bewegt der Wind die Laterne.

Langsam dreht sie sich um ihre Achse. Ihr Licht wandert über die Fassade, streift das untere Fenster, verschwindet, kehrt zurück.

Für einen Augenblick sitzt dort jemand.

Nur der Umriß.

Den Kopf ein wenig gesenkt.

Die Laterne dreht sich weiter.

Das Fenster wird dunkel.

Als das Licht wiederkommt, ist der Stuhl leer.

Oder war das ein anderes Mal?

Er wischt sich Wasser aus den Augen.

Er geht über die Straße.

Das Wasser steht zwischen den Platten und in seinen Schuhen.

Der Kies gibt nach.

Er klingelt.

Der Hausflur antwortet.

Mehr nicht.

Er klingelt noch einmal.

Das Geräusch scheint diesmal tiefer aus dem Innern zu kommen, als müsse es erst durch mehrere leere Zimmer.

Niemand öffnet.

Neben der Tür liegt Post.

Werbung, ein dünner Katalog, zwei Briefe. Einer ist vom Regen aufgeweicht und klebt mit verlaufender Schrift an den Steinen.

Was gewiß ist:

Hier wurde gelebt.

Im Garten stößt der Wind in die Birken. Die Zweige biegen sich, richten sich wieder auf. Etwas platscht zu Boden.

Er lauscht.

Ein Fruchtzapfen aus der Fichte.

Vielleicht etwas anderes.

Auf dem Rasen sammeln sich Pfützen. In ihnen steht das Licht der Laterne, zerrissen bei jedem Tropfen.

Das Sturmtief war vorhergesagt.

Er zieht die Hand aus der Manteltasche.

Der Schlüssel liegt darin.

Eine Weile betrachtet er ihn.

Unlängst im Zug fühlt er eine faserige Entschlossenheit.

Dann steckt er ihn ins Schloß.

Er muß ihn ein wenig anheben.

Die Tür gibt nach.

Daß der Hausschlüssel noch paßt, merkt er erst, als er bereits in der Diele steht.

Vollständiges Manuskript auf Anfrage.